Erwartungen Temeswar/Banat 2023

Zurzeit wird in der Banater Landeshauptstadt Temeswar sehr viel von diesem ereignisreichen Kulturhauptstadtjahr 2023 diskutiert. Die Temeswarer, die Banater insgesamt, streben in den Bereichen Kultur, Tourismus und Politik eine weite Öffnung zum Westen Europas an. Die Stadt hat die Möglichkeit, sich wie nie zuvor nach außen darzustellen. Es dürfte durch die ethnisch geprägte Geschichte der Stadt sowie durch zahlreich lebende Konfessionen der Banater nicht besonders schwer sein.
Bevor am nächsten Wochenende (17.-19.2.2023) die offizielle Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres in Temeswar startet, fanden bereits mehr als 150 Veranstaltungen in den Monaten Januar und Februar statt.
Nachdem kürzlich der Temeswarer Bürgermeister Dominic Fritz in einigen Hauptstädten Europas für Temeswar 2023 warb, kommt große Unterstützung aus dem Ausland.

Temeswar/Timișoara/Temesvár/Темишвар/Temišvar/Temeşvar
Kleine Stadtgeschichte

Am 14. Februar 2023 zum Beispiel fand im Haus der Heimat in Stuttgart ein sehr interessanter Vortrag zur Geschichte Temeswars statt, sobald die Metropole des Banats auf ein vielfältiges Erbe zurückblicken kann. Der Historiker und Honorarprofessor der Babeș-Bolyai-Universität Klausenburg Dr. Konrad Gündisch, der von 2013 bis 2015 als Direktor des Instituts für deutsche Geschichte Südosteuropa an der Ludwig-Maximilians-Universität München weilte sowie PD Dr. Tobias Weger ebenfalls Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am gleichen Institut, haben in einem Dialogverfahren Temeswar/Timișoara – Kleine Stadtgeschichte in hervorragender Manier die Gliederung ihres brandaktuellen Buches vorgestellt. Überraschend viele Besucher fanden sich im Haus der Heimat in Stuttgart ein. Noch vor der Vorstellung des Buches war dieses schnell vergriffen.  

Zunächst wies man auf die multikulturelle Stadt im südöstlichen Zentraleuropa hin. Der Siebenbürger Dr. Konrad Gündisch zeigte, wie er seit jeher von der Banater Landeshauptstadt angetan ist. Sein Schwiegervater kommt aus Großkomlosch und damit konnte er sein Wissen über diese Stadt deutlich bereichern. Was Herr Gündisch besonders schätzt, ist die Kommunikationsbereitschaft vieler Temeswarer in mehreren Sprachen. Das schnelle Zueinanderfinden, sei es in rumänischer-, ungarischer-, deutscher- oder auch in serbischer Sprache, macht das Zusammenleben in Temeswar sehr attraktiv. Es ist nur schade, dass heutzutage die jungen Temeswarer immer mehr zur englischen Sprache tendieren. Nichtsdestotrotz besuchen viele rumänische Schüler die deutschen Schulen – vor allem die Nikolaus-Lenau-Schule – in Temeswar, so Dr. Weger.
Die Historiker erläuterten sodann die Vor- und Frühgeschichte der Stadt Temeswar, beschrieben das Castrum Temes im mittelalterlichen Königreich Ungarn mit der grausamen Folterung und Hinrichtung von Georg Dózsa und zeigten kurz das Leben des osmanischen Temeswars von 1552 bis 1716 auf. Die Historiker zogen eine kurze Bilanz von jener Zeit. Selbst in dieser von den Habsburgern schrecklich beschriebenen Zeit lebten mehrere ethnische Gruppen friedlich miteinander.
Dann kam die Zeit der Habsburgischen Herrschaft. Prinz Eugen von Savoyen spielte bei der Einnahme Temeswars 1716 eine große Rolle. Es folgte eine Neuordnung der Stadt bzw. ein Neubau der Festung. Die Österreicher warben gezielt um Ansiedlungswillige aus Württemberg, Schwaben, Luxemburg, der Pfalz, Elsass, Lothringen usw. Es folgten die Schwabenzüge. Nicht zu vergessen sind in der Mitte des 18. Jahrhunderts die Errichtung des katholischen Doms und die serbisch-orthodoxe Kathedrale am Domplatz, die sich auch heute noch pompös gegenüberstehen. In der Mitte des Domplatzes steht die Dreifaltigkeitssäule.
Mitte des 19. Jahrhunderts stellte man sich bereits die Frage, ob Temeswar – auch Klein-Wien genannt – nicht vielleicht doch eine Stadt zwischen West und Ost geworden sei. Die Revolution von 1848, die sich auf dem Temeswarer „Freiheitsplatz“ ersichtlich zeigte, hinterließ Spuren. Die Folgen von verschiedenen Auseinandersetzungen hemmten die Wirtschaftskraft der Stadt. Mit der Wiedereingliederung in das Königreich Ungarn wurde Temeswar zu einer Bezirkshauptstadt zurückgestuft.
Im Jahr 1891 weilte Kaiser Franz Joseph I. in Temeswar. Zur Verschönerung der Stadt hat der Gartenarchitekt Wilhelm Mühle einen königlichen Rosengarten angelegt. Die nach der bürgerlichen Emanzipation wachsende jüdische Gemeinde Temeswars bewirkte im 19. Jahrhundert den Bau von israelitischen Gotteshäusern. Vor dem Ersten Weltkrieg ergaben sich folgende Stadtbezirke: Innere Stadt, Fabrikvorstadt, Elisabethstadt, Josefvorstadt und die Franzstadt (Mehala). Es sind Stadtgebiete, die viele Banater Schwaben noch gut in Erinnerung haben.
Nach dem Krieg folgte die Eingliederung des Banats in das Königreich Rumänien. An zentraler Stelle in der Inneren Stadt gegenüber des städtischen Franz-Joseph Theater (heutige Oper mit dem deutschen- und ungarischen Staatstheater) wurde die rumänisch-orthodoxe Kathedrale erbaut. Temeswar wurde in dieser Zwischenkriegszeit zur Stadt mit dreifachem Bischofssitz. Temeswar avancierte zu einem bedeutenden Hochschulstandort.
Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte ein Neuanfang mit Protest und Terror. Die stärkste Gegnerschaft fürchteten die Kommunisten im Banat seitens der katholischen Kirche. Man sah aber auch ein kulturelles Leben im Aufschwung. Durch den Ursprung der Revolution 1989 in Rumänien wird Temeswar als revolutionäre Stadt bezeichnet.
Der überwiegende Teil der Temeswarer Einwohner sind heute Rumänen, gefolgt von Ungarn, Serben, Deutschen, Roma, Bulgaren usw. Ein politischer Umbruch ist im Gange. Die Autoren des Buches erwähnen dabei eine politische Sensation: Der Schwarzwälder Dominic Fritz setzte sich bereits im ersten Wahlgang durch und wurde 2020 zum Oberbürgermeister der Stadt gekürt.

Der Oberbürgermeister Temeswars: „Eine neue Transformationsdynamik in Temeswar muss her.“

Der Oberbürgermeister der Stadt stellte sich kürzlich einem Interview der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien sowie des Temeswarer Rundfunkstudios einer Sendung in deutscher Sprache, ausgestrahlt am 13.02.2023 (Foto: Zoltán Pázmány/ADZ). Viele Ohren von Banater Schwaben in Deutschland lauschten den Fragen der Redakteurin Raluca Nelepcu und den Antworten des deutschen Bürgermeisters der Stadt Temeswar.  Der Bürgermeister ist der Auffassung, dass das Temeswarer Kulturhauptstadtprojekt 2023 für Rumänien eine strategische Chance für das ganze Land sei. Er glaubt zu wissen, dass die einzigartige Geschichte Temeswars über Europa vieles aussagt, und dass, wenn diese Geschichte gehört wird, Europa seine eigene Geschichte, aber auch Rumänien ganz neu bewerten wird. Er ist der Meinung, dass nicht nur die Banater Landeshauptstadt mit einbezogen werden soll, sondern die ganze Region soll daran teilhaben. Auch die Städte Arad, Lugosch und Reschitz sollen die Möglichkeit haben, sich an diesem Event Europas zu beteiligen.

Man diskutierte über den Nahverkehr und über die Unterbringungsmöglichkeiten der zahlreichen Besucher im Jahr 2023 aus dem In- und Ausland, die man mit etwa einer Million zu schätzen wagt. Auch über das Museumsangebot wurde eindringlich gesprochen. Die Redakteurin fragte das Stadtoberhaupt, wie er für Temeswar im Ausland geworben hat bzw. wie er weiterhin für Temeswar als Europäische Kulturhauptstadt werben wird. Dominik Fritz wortwörtlich: „Ich glaube tatsächlich, dass es eine meiner wichtigen Aufgaben ist, die Stimme Temeswars ins Ausland zu tragen. Da hilft sicher auch so ein bisschen das Interesse der Journalisten für meine Person. Ich gebe sehr viele Presseinterviews, es kommen viele Fernseh- und Radioteams, aber auch Zeitungsjournalisten nach Temeswar, um Reportagen über die Stadt zu machen. Darüber hinaus gibt es auch ganz konkrete Werbeveranstaltungen im Ausland. Wir hatten solche in Berlin, Brüssel und Paris, jetzt planen wir eine in Lissabon. Da reise ich dann auch persönlich hin.“ Auf die Frage „Was soll von dem Temeswarer Kulturhauptstadtprojekt für die Zukunft bleiben?“ meinte der Bürgermeister: „Ich wünsche mir, dass wir langfristig Temeswar in Rumänien, Europa und der Welt als eine offene, diverse und europäische Stadt definieren und, dass Temeswar bekannter wird und dadurch Rumänien insgesamt besser wahrgenommen wird.“ Was ihm noch sehr wichtig sei, ist, „dass wir als Stadt aufwachen und dass wir uns als Stadtgesellschaft neu selbst finden, dass ganz viele Menschen, die sich jetzt beteiligen, Firmen, Vereine, Kirchen, Lust bekommen, in der Stadt weiterhin aktiv zu bleiben.“

Viele Banater Schwaben werden vor allem an den Heimattagen der Banater Deutschen nach Temeswar und in ihre ehemaligen Heimatorte reisen. Viele banat-schwäbische Organisationen aus Deutschland werden ehrenamtlich viel Energie aufbringen, um kulturelle Erinnerungen von einst im Banat wieder aufzufrischen und aufleben zu lassen, wollen die Banater Schwaben doch als Brückenbauer zwischen Ost- und Westeuropa agieren und Temeswar wahrlich zu einer Stadt zwischen Ost und West mitgestalten (s. oben). Das wäre doch unser Ziel gewesen. Zum heutigen Temeswar – wie es sich aus der obigen Buchpräsentation herauskristallisierte – hat eben diese Volksgruppe mit Vielem beigetragen. Die Hörer und Leser in Deutschland dürften wohl dieses Gespräch mit dem jungen deutschen Bürgermeister enttäuschend empfunden haben, da unser geplanter Beitrag zum Kulturhauptstadtereignis unerwähnt blieb. Wer könnte wohl besser diese Stadt mit all seinen kulturellen, konfessionellen, multiethnischen Schichtungen, sozialen und mentalen Gliedschaften besser verstehen als wir Banater Schwaben, die Jahrzehnte in dieser Stadt ihre Ausbildung erlangten, arbeiteten und hier einen Teil ihres Lebens verbrachten. Meine Meinung: Eine Ausgrenzung in einem öffentlichen Sender in deutscher Sprache und in einer deutschen Presse in Rumänien haben wir sicherlich nicht verdient. So werden wir im heutigen Banat bald vergessen werden und in unserer neuen Heimat vielerorts unerwähnt bleiben.

Die wunderbare Lektüre Temeswar/Timișoara – kleine Stadtgeschichte kann man bereits beziehen (s. Temeswar – Kulturhauptstadt 2023, Kulturhauptstadt-Infos auf unserer Website).

Die neuesten Informationen vom Leben der Banater sind täglich zwischen 12-13 Uhr (MEZ) und 18 – 19 Uhr (MEZ) bei Radio Temeswar in deutscher Sprache zu hören. Radio Temeswar. Podcast ist übers Internet abrufbar.

Geschehnisse aus dem Banat und der ganzen Welt präsentiert die deutschsprachige Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien mit einer wöchentlichen Beilage der Banater Zeitung.

Der Wahl-Sanktandreser Karl Maiterth drehte einen Film mit dem Titel Temeswar im Wandel der Zeiten, der in dem Kulturhauptstadtjahr 2023 aus der Sicht eines Siebenbürgers die Stadt präsentiert.

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