Altötting

Menschliche Logik und Gottes Antwort

Unter dem Motto „Maria, Vorbild der Kirche“ fand am 9./10. Juli 2022 die 61. Gelöbniswallfahrt der Donauschwaben nach Altötting statt.

Vorabendgottesdienst und Lichterprozession

Obgleich die Wallfahrt in diesem Jahr offiziell auf den Sonntag beschränkt blieb, weil viele Besucher aus Angst vor Ansteckung fernblieben, kamen trotz der Gefahr über tausend Donauschwaben wieder nach Altötting. Die früh Angereisten nahmen am Vorabendgottesdienst mit Bruder Marinus und Pater Sigbert, Msgr. Andreas Straub und Pfr. Paul Kollar teil und prozessierten danach in der Abenddämmerung mit ihren Lichtern singend und betend von der Basilika zum Kapellplatz, umrundeten drei Mal die wegen Sanierung im Gerüst stehende Gnadenkapelle und kehrten schließlich zu der in einem Schrein am Eingang der Stiftskirche befindlichen Schwarzen Madonna ein. So wurde auch ohne formelles Programm der traditionsgemäße Ablauf fast verlustfrei eingehalten.

Prozession zur Basilika

Am nächsten Morgen bewegte sich unter festlichen Klängen eine Prozession von der Stiftskirche zur Basilika, vorn der Träger eines Kreuzes, dann die Geistlichkeit, dahinter der Träger einer Kerze mit Inschrift, dann in der Mitte die Fahne des St. Gerhardswerks, links und rechts flankiert von einer Tafel mit dem Bildnis Pater Grubers und einer mit der Kirche des Wallfahrtsortes Maria Radna, es folgten zehn Fahnenabordnungen, die kleinen und großen Marienmädchen, angeführt von vier Frauen mit Marienstatue auf einer Trage, sodann die Blaskapelle der HOG Sanktanna, schließlich Trachtengruppen und Pilger.

Begrüßung in der Basilika

Nach dem Einzug aller Beteiligten in die Basilika begrüßte Dipl. Ing. Josef Lutz aus Sanktanna/Nürnberg, der Organisator der Wallfahrt und Stellvertretende Vorsitzende des St. Gerhardswerks Stuttgart, im Namen seiner Organisation die Pilger und Gläubigen sowie namentlich eine Reihe von Ehrengästen, zuerst Bischof Josef Csaba Pál von der Diözese Temeswar/RO, dann die zweite Bürgermeisterin der Kreisstadt Altötting Christine Burghart, den früheren Bürgermeister Herbert Hofauer, den Wallfahrtsrektor und Wallfahrtsprobst Prälat Dr. Klaus Metzl, den Vorsitzenden des „Vereins Haus der Donauschwaben“ in Sindelfingen Raimund Haser, der auch im baden-württembergischen Landtag sitzt, den aus Altötting stammenden Vizepräsidenten des BdV und Bundestagsmitglied (CSU) Stephan Mayer, den ehemaligen Visitator der Donauschwaben EGR Msgr. Andreas Straub, den Geistlichen Beirat im St. Gerhardswerk Stuttgart und im Gerhardsforum München Pfarrer Paul Kollar, den Stellv. Vorsitzenden im St. Gerhardswerk Pfarrer Klaus Rapp, den Stiftskanoniker in Altötting Johann Palfi, den Stellv. Bundesvorsitzenden der LM Banater Schwaben Georg Ledig, den Vorsitzenden im Landesverband Bayern Harald Schlapansky, die Donauschwäbische Singgruppe aus Landshut unter Leitung von Reinhard Scherer, den Vorsitzenden des Kulturwerks der Banater Schwaben Bernhard Fackelmann, die Fahnenträger des St. Gerhardswerks Gaby, Hans und Ulrike Kiefer, die Fotografin und Berichterstatterin des „Passauer Bistumsblatts“ Roswitha Dorfner, die Delegation der Donauschwaben des Landesverbandes Bayern aus München-Haar mit Paul Beiwinkler, Kirchenchor, Marienmädchen und Trachtenträger aus Sanktanna im rumänischen Banat, die Pilger aus den USA, Kanada, Brasilien und Argentinien sowie alle Trachtenträger, Fahnenabordnungen und Aktiven, die Blaskapelle der HOG Sanktanna mit ihren 15 Mitglieder unter Leitung von Josef Wunderlich, schließlich das gesamte Organisationsteam mit Johann Noll in und um Altötting.

Segen erteilt (Foto: HOG Sanktandres)

Wort des Laien

Raimund Haser betrachtete in seinem Wort des Laien das Thema „Flucht und Vertreibung“ aus ungewöhnlicher Perspektive. Zum Begriff Heimat gehöre nicht nur ein Haus, ein Grundstück, eine Straße, sondern die Summe aus allem, sogar der „Gruscht“, ein herrlich schwäbisches Wort, das Gegenstände bezeichnet, die ihren Gebrauchswert längst verloren haben, aber als Erinnerungsstücke mit heimatlicher Aura bewahrt werden – in Friedenszeiten. Wer aber fliehen und alles zurücklassen musste, entbehrt schmerzlich auch solche scheinbar wertlosen Sinnbilder der eigenen Identität. „Die Deutschen haben Schreckliches über diesen Kontinent gebracht“, fasste Haser zusammen, „aber sie haben gesühnt, haben sich an keiner Stelle der Verantwortung entzogen und sind ein verlässlicher Partner in der internationalen Gemeinschaft.“ Die Vertriebenen hätten mitgebaut an einem neuen Europa, sie müssten auch an der Spitze stehen, wenn es um die Solidarität mit neuen Flüchtlingen geht. Wesentlich sei das Bekenntnis zur eigenen Geschichte, das die Erinnerungen verknüpft mit dem persönlichen Nein „gegenüber Unrecht, Völkermord, Krieg, Vergewaltigung, Militärdiktatur, Korruption, Propaganda und all den Mechanismen, die aus Menschen Tiere machen, die irgendwann nicht mehr wissen, was noch menschlich ist und was nicht“. Im Gruscht seiner aus Surtschin (Syrmien) stammenden Großmutter gebe es nichts, was an ihre alte Heimat erinnert, nur Fähigkeiten und Werte von dort habe sie ihren Enkeln eingepflanzt, wie etwa ihren tiefen Sinn für Gerechtigkeit. Haser beschloss seine Betrachtung, indem er die Pilger ermunterte, solche kostbaren, unveralteten Einstellungen, Überzeugungen, Werte und Kenntnisse nicht bloß mit sich herumzutragen, sondern sie in den eigenen Familien, Gemeinden und gesellschaftlichen Umfeldern fruchtbar zu machen.

Fotos: Gerhardswerk

Pontifikalgottesdienst

In der Basilika zelebrierten zusammen mit Bischof József Csaba Pál aus der Diözese Temeswar Msgr. Andreas Straub, der zum 27. Mal an dieser Wallfahrt teilnahm, Pfarrer Paul Kollar, Pfarrer Klaus Rapp und Stiftskanoniker Johann Palfi. – In seiner Predigt erwog Bischof Pál die Bedeutung Marias als Vorbild und Wegweiserin der Kirche. „Wir sind alle zu Hause hier bei der Mutter Gottes“, begann er und wies auf die ukrainischen Mütter hin, die selbstlos und unter ungeheuren Schwierigkeiten mit ihren Kindern aus den Kriegsgefahren in andere Länder geflüchtet sind, um ihnen Sicherheit zu geben. Dieses Bild sollen wir uns vorstellen, so Pál, auch wenn wir an unsere himmlische Mutter denken. Maria sei Wegweiserin der Kirche in der Geschichte gewesen, aber auch für uns heutzutage. Sie sorge sich auf zweierlei Weise für die Kirche und die Christen: durch ihr Gebet als Fürsprecherin und ihr Beispiel als Vorbild der Kirche. An zwei Wundererzählungen zeigte der Bischof, dass Maria mit der Größe ihres offenen Herzens dem Willen Gottes den ersten Platz in ihrem Leben einräumt, sich durch dieses Ja eigener Probleme entledigt und zum vollkommen freien Menschen wird, der anderen vorbehaltlos liebend dienen kann und zum Vorbild der Begegnungen wird: zunächst an ihrem Besuch bei Elisabeth, deren Kind in ihrem Leib hüpfte und die vom Heiligen Geist erfüllt wurde, als sie den Gruß Marias hörte; zweitens an Marias Rolle bei der Hochzeit zu Kana, als sie mit ihrer konkreten Aufmerksamkeit den Mangel an Wein erkennt, Jesus deshalb anspricht und seine Weisung befolgt, die Krüge mit Wasser zu füllen, ohne dies zu verstehen. Trotzdem sagt sie den Dienern: „Was er euch sagt, das tut!“ Maria könne unsere Meisterin sein, die uns diese neue Denkweise und Haltung lehren kann: dass wir vor allem das tun, was Jesus von uns verlangt, auch wenn es noch so wenig zu unseren Plänen passt oder unserer Logik entspricht. „Suchet zuerst Gottes Reich, und alles andere wird euch dazugeschenkt“, schloss der Bischof mit Jesu Wort. – Die donauschwäbische Singgruppe aus Landshut zusammen mit dem Kirchenchor aus Sanktanna unter Leitung von Reinhard Scherer begleitete den Gottesdienst mit glockenreinen Stimmen musikalisch und verlieh ihm die gehobene Festlichkeit. Traditionsgemäß spielte zum Auszug bei geneigten Fahnen die Blaskapelle der HOG Sanktanna drei Stücke: „Ich hatt’ einen Kameraden“, „Totenmarsch“ und „Ein Kind Mariens“. Zweieinhalb Stunden lang hielten die Marienmädchen im Alter zwischen vier bis fünfzehn Jahren in ihren gefalteten weißen Röcken unten vor dem Altar stehend das gesamte Pontifikalamt durc

Friedenstauben

Um die Friedenswünsche des St. Gerhardswerks und der Pilger sinnfällig zu machen und zugleich mit dem alten Symbol für den Heiligen Geist auszudrücken, wurden nach dem Gottesdienst auf dem Vorplatz der Basilika fünf weiße Friedenstauben für alle fünf Kontinente in die Freiheit gen Himmel entlassen. Der Brieftaubenzuchtverein in Emmerting hatte sie zur Verfügung gestellt. Alexandra Scherer auf der Geige und Andreas Krach auf dem Akkordeon begleiteten den Vorgang mit dem weltweit bekannten und in vielen Sprachen gesungenen Lied „La Paloma“.

Marienliedersingen, Marienandacht

Am Nachmittag wurden wie in all den Jahren zuvor in der Basilika Marienlieder gesungen. Die anschließende Marienandacht zelebrierten Msgr. Andreas Straub, Pfr. Paul Kollar und Stiftskanonikus Johann Palfi. Straubs Predigt drehte sich um Maria als Mutter und Urbild, in dem uns Gott das innerste Geheimnis der reinen Kirche zeige, dem Straub sich bescheiden, aber einnehmend näherte, um schließlich die von den Pilgern erworbenen Devotionalien zu segnen und sie auf abermalige Wallfahrten im Sinne des Gelöbnisses von Pater Grubers zu entlassen.

In der Basilika (Foto: HOG Sanktandres)

Stefan P. Teppert

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Altötting 2026

Den Aufstieg Altöttings zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte Europas begründeten zwei als wundersam geltende Heilungen im Jahr 1489. Papst Benedikt XVI. verlieh dem Marienwall fahrtsort Altötting im Jahr 2008 die sogenannte „Goldene Rose“, eine der höchsten Auszeichnungen, die ein Papst an ein Heiligtum vergeben kann. Dies war daserste Mal, dass ein deutsches Marienheiligtum diese päpstliche Ehrung erhielt.
Der Ursprung dieser ganz besonderen Wallfahrt liegt in den dunkelsten Jahren der Geschichte der Donauschwaben. 1946 legte der Jesuitenpater Wendelin Gruber gemeinsam mit seinen hoffnungslosen donauschwäbischen Landsleuten in den Vernichtungslagern Gakowa und Rudolfsgnad im damaligen Jugoslawien ein Gelöbnis ab: Wenn sie überleben würden, wollten sie jedes Jahr aus Dankbarkeit zu einer Marienwallfahrt aufbrechen. Nachdem Pater Gruber nach seiner Kerker haft nach Deutschland entlassen worden war, erinnerte er seine Landsleute an die ses Versprechen. Seither wird das Gelöbnis Jahr für Jahr eingelöst – bei Wallfahrten in Europa sowie in Nord- und Südamerika. Übrigens: Der Jesuitenpater Wendelin Gruber war 1994-1998 auch im Temeswarer AMG-Haus als Seelsorger tätig.
Die Wallfahrt nach Altötting, die Pater Gruber 1959 begründete und die seither immer am zweiten Juliwochenende stattfindet, entwickelte sich zur größten donauschwäbischen Gelöbniswallfahrt. Heute leben nur noch wenige der Überlebenden jener Lager. Doch ihre Nachfahren tragen das Versprechen weiter und pilgern nach Altötting, um der Opfer zu gedenken, Gott für die Bewahrung ihrer Familien zu danken und zugleich ein Zeichen zu setzen: Das Vergangene darf nicht vergessen werden. Die Erinnerung soll Mahnung sein, dass sich solches Leid niemals wiederholt.
Am 2. August 2026 versammeln sich vor der Gnadenkapelle die Donauschwaben, um in Prozession zur Basilika St. Anna zu ziehen. Der römisch-katholische Bischof von Großwardein und zugleich Vorsitzender der Katholischen Bischofskonferenz in Rumänien, László Böcskei, zelebriert die Messe. Es riecht nach Gottesdienst, nach gelebtem Glauben, nach Heimat. Für die musikalische Gestaltung sorgt eindrucksvoll die Donauschwäbische Singgruppe Landshut. Immer wieder richtet der aus dem Banat stammende Bischof den Blick auf Maria. Er erinnert daran, warum Menschen seit Jahrhunderten nach Altötting pilgern, gerade in Zeiten der Not. „Jede Not ruft nach der Mutter“, sagt er schlicht. Es ist ein kurzer Satz, doch hier, in der Basilika, scheint er besonders tief anzukommen. Viele der Anwesenden denken dabei wohl an ihre Eltern und Großeltern, die Vertreibung, Lager und Heimatverlust erlebt haben und ihren Trost im Glauben fanden. Es wird deutlich, warum diese Wallfahrt seit 65 Jahren Bestand hat. Sie ist weit mehr als ein Treffen der Donauschwaben. Sie ist gelebte Identität. Sie verbindet Glauben und Geschichte, Vergangenheit und Zukunft. Sie erinnert an das Leid, ohne darin steckenzubleiben. Genau darin erfüllt sich bis heute das Gelöbnis von 1946. Was einst aus existenzieller Not in den Lagern von Gakowa und Rudolfsgnad entstand, ist längst zu einem Auftrag für die nachfolgenden Generationen geworden. Nicht nur die Erinnerung an die Toten wird bewahrt, sondern auch der Glaube, der den Überlebenden Hoffnung gab. Die Wallfahrt ist deshalb zugleich Dank, Gedenken und Verpflichtung – gegenüber der eigenen Geschichte und gegenüber einer Zukunft, in der Vertreibung, Hass und Unrecht keinen Platz mehr haben.

(Ausschnitt aus „Jede Not ruft nach der Mutter“ – Eindrücke von der 65. Wallfahrt der Donauschwaben nach Altötting von Dr. Raluca Nelepcu, am 24.7.2026 in der ADZ)


Vortrag in der Stiftskirche

Dr. Raluca Nelepcu hielt am Vortag in der Stiftskirche ein Referat über die Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau. Darin ging es um Ordensfrauen, die über Generationen hinweg Bildung vermittelten, den Glauben weitergaben und oft unter schwierigsten Bedingungen wirkten. Es ist ein Thema, das gut zum Motto der diesjährigen Wallfahrt passt: „Eine Frau, auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen“. Maria.

Gespräche am Abend

Vertreter der Kirchengemeinschaft, der Landsmannschaften und Delegationen aus den Donauländern hatten am Abend die Gelegenheit, sich gegenseitig zu begegnen und somit interessante Gespräche zu führen. In unserer Mitte hatten wir einen besonderen Gast: Bischof László Böcskei. Er ist in Gataja (Banat) geboren. Der Bischof von Temeswar, Sebastian Kräuter, weihte ihn im Jahr 1990 zum Priester. Papst Benedikt XVI. ernannte ihn am 23. Dezember 2008 zum Bischof von Großwardein. Seit 2025 ist er der Vorsitzende der Rumänischen Bischofskonferenz. 


Lichterprozession

Nach der Abendmesse dunkelte es schon leicht. Die Pilgerinnen und Pilger zündeten am Tor der Basilika Kerzen an. Mit Gebet und Gesang führte der Weg zur Gnadenkapelle.


Treffpunkt am Wallfahrtsort 2026

Nach dem andächtigen Gottesdienst wurden unzählige Fotos mit Persönlichkeiten und mit Freunden gemacht. So entstand auch ein Foto mit den Pilgern, deren Wurzeln in Sanktandres liegen.

Fotos und Videos: Dr. Raluca Nelepcu, Juliane Wolf und Hans Janzer