Erlebtes-Betrachtungen-Aufarbeitung

Im Jahr 1989 nach der Revolution in Rumänien, die ihren Ursprung in der Banater Landeshauptstadt fand, entwickelte sich sofort der Exodus der Rumäniendeutschen in den Westen Europas, in die Bundesrepublik Deutschland. Mehr als 80 Prozent der Bewohner deutscher Nationalität von Sanktandres verließen als Staatenlose schlagartig das Land.
In den Jahren davor ab ca. dem Jahr 1960 baute sich jedoch eine sonderbare Entwicklung der ausreisewilligen Banater Schwaben auf. Nur unter schwierigen Umständen konnte der eine oder andere ausreisewillige Bürger des kommunistischen Landes Rumänien verlassen. Der neu ernannte Staatschef Nicolae Ceaușescu, der im Jahre 1965 nach dem Tod von Gheorghe Gheorghiu-Dej die Macht übernahm, verriegelte erst recht die rumänischen Staatsgrenzen zum westlichen Europa. Durch außergewöhnlich westlich orientierte Ansichten des neuen Staatschefs zum “Prager Frühling” im Jahr 1968 machte sich Ceaușescu jedoch global einen Namen. Durch die gegenseitige Anerkennung im Jahr 1967 zwischen Rumänien und der Bundesrepublik Deutschland bauten sich allmählich die Beziehungen zwischen beiden Ländern wesentlich auf.
Man staunte jedoch, trotz der aufbauenden Partnerschaft ist nur einzeln dem einen oder anderen Sanktandreser im Banat eine Ausreise nach Deutschland gelungen. Der richtige Anstoß zur sogenannten Familienzusammenführung ist erst ab 1975, nachdem eine rumänische Delegation mit Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und Bundeskanzler Helmut Schmidt in Bonn Gespräche führte, vonstattengegangen.
Plötzlich kam eine ganz andere Strategie ins Rollen. Die deutschen Lehrkräfte waren die ersten Ausreisenden zu jener Zeit. Da die Bezahlungen in Abstufungen von Bildungsgraden vollzogen wurden, brachten die Akademiker das meiste Geld. Man ahnte schlimme Folgen dieses hinterhältigen Kalküls. Ein Untergang des banat-schwäbischen Kulturgutes war im Anmarsch. Ortsbewohner, die vorher nie nach Deutschland emigrieren wollten, die sich immer zutiefst an ihre Heimat gebunden fühlten, zog es plötzlich auch in den Westen (s. dazu Sanktandres-Ortsgeschichte-Unser Existenzende in Sanktandres). Viele junge Menschen begaben sich in große Gefahr und wagten illegal die fest militärisch abgeriegelten Grenzen zu überqueren. Dabei verloren einige Menschen ihr Leben. Zunehmend erteilte man staatenlose Reisepässe an die Bewohner, die seit Jahren oder seit Neuestem eine Ausreise anstrebten. Man munkelte und man hörte auch von deutschen Medien von Zahlungen der deutschen Regierung an die rumänische Zentralbehörde in Bukarest (s. Bericht DW-TV: Politik direkt). Der Gedanke nun als letzter Banater Schwabe die Ortschaft zu verlassen, war groß und erschütternd. Bitterer Unmut kam auf. Plötzlich hörte man von gesonderten Geldentrichtungen in deutscher Währung an Personen, die sich dieser Sache Ausreise annahmen. Am Anfang drangen nur selten die Summen von 5.000 – 8.000 DM pro Person in die Gespräche der Ortsbewohner, später war dies dann gang und gebe. Die Bezugspersonen zum rumänischen Geheimdienst Securitate, der eine zusätzliche Verkaufsstrategie von Menschen in Bewegung setzte, bereicherten sich in hohem Grade.
In der Bundesrepublik Deutschland angekommen, wurden die zunächst staatenlosen Migranten über ihre Ausreiseverfahren vom BND befragt. Die Mehrheit der erkauften Menschen schwiegen jedoch.
Die Banater Schwaben haben sich in ihrem Ursprungsland – sind ihre Ahnen doch vor 300 Jahren aus diesem Land Deutschland ausgezogen – gut integriert. Sie fanden in hohem Maße auch viel Anerkennung. Das tut gut (s. ein Podcast des bayerischen Ministerpräsidenten von der Bayerischen Staatskanzlei zur 70. Jahrfeier der Banater Landsmannschaft).

Erst nach Jahrzehnten kommen plötzlich Betrachtungsbilder ins Gespräch. In einem Gespräch mit dem deutschen Journalisten Ulrich Wickert spricht der ehemalige Bundeskanzler von barbarischen Umständen bei seinen Verhandlungen mit dem rumänischen Diktator Ceaușescu und dessen Frau (s. Podcast).

Zurzeit 2022/2023 sorgt dieses Thema vor allem in Rumänien für Zündstoff. Mit einer Inszenierung von Carmen Lidia Vidu über den Verkauf der Rumäniendeutschen während der Diktatur Nicolae Ceaușescus nahm das Deutsche Staatstheater Temeswar im November 2022 an einem nationalen Theaterfestival teil und erhielt in der Fachpresse Anerkennung und viel Lob.
In einem Podcast in rumänischer Sprache Viva Historia mit Hodor und Tetelu im Gespräch mit der Regisseurin dieses Theaterstückes “Menschen. Zu verkaufen” werden sehr interessante Daten dieses damaligen Vergehens betrachtet und aufgegriffen. Überzeugen Sie sich selbst.

Deutsche Welle-TV: Politik direkt

Bayerischer Ministerpräsident an die Banater Schwaben

Altbundeskanzler Kohl im Interview mit U. Wickert

Regisseurin von “Menschen. Zu verkaufen” im Gespräch

„Menschen. Zu verkaufen“ in der Zeit der kommunistischen Regierung in Rumänien war das Thema eines geschichtlichen Ereignisses im Podcast VIVA HISTORIA, moderiert von Hodor und Tetelu. Zu Gast war die Regisseurin dieses Theaterstückes Carmen Lidia Vidu. Die Runde diskutierte und analysierte detailliert dieses stattgefundene Ereignis zwischen 1967 und 1989.

Carmen Vidu: “Ich habe mir eine schwierige Aufgabe gestellt: Aus einem geschichtlichen Vorgang eine Inszenierung zu entwickeln. Die Akten zur operativen Personenkontrolle und zu operativen Vorgängen zeigen, welche Schikanen Menschen erdulden mussten, die ausreisen wollten: Sie wurden eingeschüchtert, zuhause sowie am Arbeitsplatz beobachtet, sie verloren ihren Arbeitsplatz. Der Geheimdienst Securitate trat Menschenrechte mit Füßen, darunter auch das Recht auf Reisefreiheit. Oft wurden Besitzer von Immobilien unter Druck gesetzt und waren genötigt, mit Hilfe gefälschter Papiere Häuser und Wohnungen Securitate-Offizieren zu überlassen. Rumänien war zur Zeit des Kommunismus ein terroristischer Staat, der seine Bürger als Geiseln nahm. Kann man jemand wirklich retten, der wie eine Ware behandelt wird? Welches ist unser Verhältnis zur Geschichte? Kann man mit einem Diktator verhandeln? Dieses sind einige Fragen der Aufführung. Ich habe mich für den Titel “Menschen. Zu verkaufen” entschieden, weil er die Frage stellt: ‘Welches ist mein Preis?’, Wieviel würdest du für dein Leben bezahlen?”

Quellenzitat: Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien, April 2022

VIVA HISTORIA: Menschen zu verkaufen (inhaltliche Ausschnitte einer Diskussionsrunde in rumänischer Sprache übersetzt ins Deutsche)

Das Deutsche Staatstheater Temeswar trat an die renommierte Regisseurin mit der Bitte an, sie solle über dieses Thema mit einem beweiskräftigen Hintergrund ein Theaterstück inszenieren. Sie hatte jedoch zu jener Zeit sehr wenig Bezug zu dieser Thematik. Sie wusste zwar von einem Verkauf von Juden, aber der Menschenhandel der ethnisch deutschen Bevölkerung im Banat und Siebenbürgen war ihr völlig neu, obwohl die Araderin die Migration von Freunden in der damaligen Zeit teilweise miterlebte. Die Mehrheit dieser Menschen verschwieg diesen Menschenhandel, getrieben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Nach einer chronologischen Schicksalsaufzeichnung der Juden in den kommunistischen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg eröffneten die Gesprächsteilnehmer eine Diskussion in Bezug auf die deutsche Bevölkerung in Rumänien, die als Faschisten bezeichnet, nach Russland und in die Baragansteppe deportiert wurden. In den 50er Jahren ist dieser Volksgruppe auch eine höhere Ausbildung in Rumänien verweigert worden etc. In Ceausescus Amtszeit verschlechterte sich allmählich die kulturelle und konfessionelle Lebenssituation der deutschen Minderheit in Rumänien, was diese Völkergruppe bewog dieses Land letztendlich zu verlassen.
Die Regisseurin spricht über den Aufbau ihres Werkes. Sie sammelte und las viele Dokumente, die ihr zur Verfügung gestellt wurden. Zur damaligen Zeit berichtete die deutsche Presse intensiv von Zahlungen wegen Wiedergutmachung bzw. für Familienzusammenführungen an den rumänischen Staat. Rechtsanwalt Hüsch verhandelte diesbezüglich geheim mit rumänischen Behörden des kommunistischen Staates. Auch die zusätzlich individuellen Zahlungen der ausreisewilligen Rumäniendeutschen hat die Regisseurin eingehend recherchiert.
Wie kam es überhaupt zu den Familientrennungen? Man berichtet zum Beispiel von dem Dorf Costinesti, das einst von Dobrudschadeutschen besiedelt war. Sie verließen kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges diese Gegend, was für Rumänien bedauerlicherweise eine schmerzhafte Angelegenheit war, so der Moderator. Ihm sind traurige Bilder des Verlassens dieser Gegend bekannt. Nach dem Krieg war ständig eine Völkerwanderung in Europa in Gang. Über das Rote Kreuz versuchten die Familien sich wieder zusammenzufinden.
Es kommt der Rechtsanwalt Heinz Günther Hüsch zu Wort, der von seiner Aktivität als Vermittler zwischen der deutschen Regierung und der „Securitate“ (Geheimdienst) berichtet.  
In der nachfolgenden Diskussion wird deutlich, dass der westdeutsche Staat für die Schäden und Leiden der europäischen Bevölkerung während des Krieges aufkam. Auch dem rumänischen Staat wurde hierzu ein Entschädigungspaket geschnürt. Selbst für Menschen, die als Zwangsarbeiter in Rumänien während des Zweiten Weltkrieges verpflichtet wurden, zahlte der deutsche Staat etc. Ceausescu wollte ein Gesamtpaket von Zahlungen, während dies in einem nichttotalitären Staat nicht möglich ist. Alle Zahlungen müssen in einem demokratischen Staat klar und deutlich klargelegt werden, so die Schlussfolgerung der Teilnehmerrunde. Humanitäre Aspekte waren Ceausescu gleichgültig.
Carmen Lidia Vidu schildert, wie unbeschreiblich schwierig es war, all diese Informationsdaten in dieses Theaterstück einfließen zu lassen. Sie stellte vier Varianten für ein zu verstehendes Szenarium auf. Für sie war wichtig, diesen Handel weitgehend dem Publikum verständlich zu machen.
Ein damaliger Vertreter der damaligen Regierung, Stelian Octavian Andronic, schildert kurz einige Verhandlungsoptionen.
Was zu verkaufen war, wurde verkauft, egal ob es Juden, Deutsche oder andere Nationalitäten waren. Ceauşescu war nicht angetan von den mitlebenden Nationen im rumänischen Staat, meinte Carmen Lidia Vidu. Sie meinte weiter: Die Deutschen verließen ihre gepflegten Häuser und die Eingezogenen dürften sich darüber gefreut haben. Die meisten Migranten kamen vom Land und waren heimatlich verbunden. Das gemeinschaftliche Leben im Heimatort dieser Leute wurde jedoch vom kommunistischen System vernichtet. Da gab es keinen Unterschied zwischen Banater Schwaben oder Siebenbürger Sachsen. Nur wenige ethnisch Deutsche blieben noch zurück auf dem rumänischen Territorium. 850 Jahre der Siebenbürger Sachsen und 250 Jahre der Banater Schwaben auf rumänischem Territorium wurden innerhalb von 25 Jahren anhand dieses Handels zunichte gemacht. Eine Kultur, eine Konfession, eine Dorfgemeinschaft, gute Fachkräfte, Bräuche usw., alles, was diese Menschen aufbauten, ist verschwunden.
Man stellte fest, dass nach der Aufführung dieses Stückes gewisse Emotionen bei den Zuschauern aufkamen. Viele weinten. Die Einbindung eines Liedes beim Abschied des Verlassens ihrer Heimat am Schluss des Theaterstückes erweckte ein trauriger Moment dieser Zeit. Der letzte Siebenbürger Sachse von Reichesdorf (Richiş), Johann Schass, erzählt eine kurze Geschichte eines Menschenhandels.
Es wird ein Spot aus dem Leben der deutschen Bevölkerung – Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen – in der kommunistischen Ära gezeigt.
Anschließend erzählt die Regisseurin, wie sie das komplette Haus vor der ersten Probenaufnahme dieses Stückes zu einem Dialog einlud. Sie schrieb den Text in rumänischer Sprache und wurde vom Kulturdirektor des Theaters ins Deutsche übersetzt. Um auf Sicherheit zu gehen, dass ihre Arbeit eine vollkommene Korrektheit erreicht hat und dem Wortsinn ihres Textaufbaus vollkommen entspricht, las sie in Rumänisch und lies mehrmals jede Passage von den Mitwirkenden nochmals übersetzen. Die Akteure wurden befragt und gezielt eingebunden. So entstand zum Schluss eine echte Gruppenarbeit. Es soll ja auch eine geschichtliche Aufarbeitung erwägt werden. Zur Aufführung. Beteiligte, die diese Zeit des Handels mit erlebten, saßen im Theater und waren plötzlich geschockt, als auf der Bühne die Unterhändler des rumänischen Geheimdienstes, den sie vor Jahren mit Geld vollpumpten, zur Schau gestellt wurden. Erinnerungen kamen auf: der unfreiwillige Hausverkauf, der Verlust des Arbeitsplatzes usw. ohne zu wissen, wann du emigrieren kannst. In Deutschland als Staatenlose angekommen, war für die erste ausgereiste Generation bestimmt diese Umstellung nicht leicht, obwohl sie sehr schnell in den deutschen Arbeitsmarkt integriert waren. In Deutschland waren sie willkommen.
Rumänien arbeitet zurzeit dieses Thema Schritt für Schritt auf. Eine Einstufen der Dokumente ist voll in Gang.    

Ein Gedanke zu „Erlebtes-Betrachtungen-Aufarbeitung“

  1. Ich bin positiv überrascht dass diese schmerzhafte Zeit jetzt aufgearbeitet wurde. Es wäre wichtig diese Themen zu verbreiten, auch in Schulen, denn es gehört nicht nur zur deutschen, sondern auch europäischen Geschichte.

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