Vom Haus der Heimat zum Tag der Heimat

Ganz im Zeichen unserer Banater Identität

Das Wochenende vom 5.11. bis 6.11.2022 hatte es in sich. Zwei hochkarätige Veranstaltungen waren angesagt, jedoch mit unterschiedlicher Interessenausrichtung.
Im Haus der Heimat in Stuttgart in der Schlossstraße tagte die 57. Kulturtagung der Landsmannschaft der Banater Schwaben mit dem Schwerpunkt der Banater Sportgeschichte und im Redoutensaal des Erlanger Theaters veranstaltete der Bund der Vertriebenen seinen Tag der Heimat 2022. Beide Veranstaltungen kennzeichneten in besonderem Ausmaß unsere Banater Geschichte.

57. Kulturtagung, Thema: Sport im Banat – Freizeit, Gemeinschaft und Weltklasse

Am Samstagnachmittag begrüßte der Vorsitzende des Landesverbandes der Banater Schwaben Baden-Württemberg Richard Jäger die mehr als 50 Gäste und Sportfreunde, die sich aus verschiedenen Landesteilen anmeldeten. Unter den Besuchern zeigte sich auch der Generalkonsul von Rumänien in Stuttgart Dr. Florea Radu-Dumitru. Er genoss sichtlich die sportlichen Errungenschaften der Banater Sportgrößen von einst in Rumänien. Wir Banater Schwaben fühlten uns wohl, einen Vertreter des rumänischen Staates unter uns zu haben.
Die Moderation hatte Frau Halrun Reinholz, Betreuerin des Banater Kultur- und Dokumentationszentrums Ulm inne.

Ein ehemaliger Hatzfelder Handballspieler, heute auch Ehrenvorsitzender der Heimatortsgemeinschaft Hatzfeld, Josef Koch, referierte gleich am Anfang der Tagung zu dem Thema Vom Kinderspiel zum Leistungssport. Kleine donau- und banatschwäbische Sportgeschichte.
Im Anschluss erzählte Hans Schuch über die Leistungen einer Minderheit. Der Beitrag der Banater Sportler zur Sportgeschichte Rumäniens.

Der Journalist Ernst Meinhardt konnte aus gesundheitlichen Gründen an der Tagung nicht teilnehmen, unterrichtete jedoch die Anwesenden per Audiodatei über den ehemaligen renommierten Fußballclub der Banater Landeshauptstadt Politehnica Temeswar. Alles nur geklaut? – 100 Jahre Poli. Man hörte und staunte über den Untergang dieses traditionsreichen Vereines. Im Hinterkopf erinnerte ich mich sofort an meine letzte Banat-Reise, die ich in diesem Jahr unternahm. Ich weilte ein paar Tage in Sanktandres und bekam ein Haus eines Polifans zu Gesicht, ein Gelände, das eine Straße in Sanktandres schmückt. Wie muss dieser leidenschaftliche Fan von Poli doch heutzutage diesen Untergang des Temeswarer Clubs empfinden?

Foto: allnumis.ro

Referent Helmut Heimann stammt aus Groß-Jetscha. Er berichtete ab 1977 für die deutschsprachige Zeitung Neuer Weg aus Bukarest. Von 1984 bis 1990 arbeitete er als Sportredakteur für das Temeswarer Blatt Neue Banater Zeitung. Ab 1991 war er als Sportredakteur bei Bild tätig.

Das letzte Referat dieses Tages stellte der uns mittlerweile gut bekannte Sportjournalist Helmut Heimann (s. Die Sportkolumne in der Banater Post) sein Buch vor. Sein Tagungsthema 20 Jahre erstes donauschwäbisches Sportbuch. Spitzensportler im Porträt begeisterte die Teilnehmer. Zunächst versuchte er die Verbindung zwischen Sport und Kultur aufzuzeichnen. Danach erläuterte er sein Buch „Tarzan, Puskás, Hansi Müller. Stelldichein donauschwäbischer Spitzensportler“. Drei Banater Sportler rückten in diesem Rahmen der Tagung in den Vordergrund, sicherlich nicht aus größerem Herausragen den anderen Sportlern gegenüber, wie er sagte. Nein, die persönliche Prägung zu unserer Banater Sportgeschichte wie Hans Schmidt aus Marienfeld, Johnny Weissmüller aus dem Temeswarer Randviertel Freidorf oder Jupp Posipal aus der Kleinstadt Lugosch hat es in sich.

Gerd Müller ist und bleibt der Bomber der Nation im Fußball und Hans-Günther Schmidt im Handball. Der große Handballer setzte sich an dem Attentatstag von John F. Kennedy, dem ehemaligen US-Präsidenten, am 22. November in Hamburg ab. Müller fand den Weg zum VfL Gummersbach, wo er eine Bilderbuchkarriere machte.
Tarzan (Johnny Weissmüller) verzeichnete großartige Rekorde im Schwimmen und als Filmschauspieler. Auch diese Kombination nutzte Heimann bei dieser Gelegenheit, um auf den engen Zusammenhang zwischen Sport und Kultur hinzuweisen. Weissmüller ist am 2. Juni 1904 in Freidorf geboren. Dafür gibt es eindeutige Beweise. Seine Mutter (geb. Kersch) kam aus dem Temeswarer Vorort und sein Vater Peter war ein Warjascher.
Jupp Posipal war eher ein zurückhaltender Mensch, der niemals so richtig im Vordergrund stehen wollte, so Heimann aus seiner geführten Recherche von Posipal. Er kam mit 16 Jahren nach Deutschland und wurde im Jahr 1954 Weltmeister mit der Nationalmannschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Schweiz gegen Ungarn. „Er wurde zum Star des HSV, obwohl er sich nie als Star fühlte, und gar nicht als solcher aufführte“, heißt es in der HSV-Chronik zum 100-jährigen Vereinsjubiläum. Der berühmte Uwe Seeler schätzte ihn sehr.

Wirklich kulturell ging es dann am Abend zu. Dr. Franz Metz, gebürtiger Darowaer, am Klavier mit drei weiteren Musikern (Wilfried Michl – Bariton, Wilfried Michl jun. – Tenor und Hermina Szabo – Violine) boten den Anwesenden im Haus der Heimat ein gut gelungenes Konzert. Nikolaus Lenau, Franz Lehár und nicht zuletzt die Stadt Temeswar standen im Mittelpunkt des musikalischen Abends. Ein Ohrenschmaus. Dr. Metz berichtete auch von der musikalischen Begabung Lenaus und von der Lizitation seiner Violine. Diese lockeren Erzählungen der Musikgeschichte machten diesen Abend noch viel unterhaltsamer.

Dr. Franz Metz und seine Musikgeschichten
Hermina Szabo zauberte mit ihrer Geige

Das Ensemble v. li. nach re.: Dr. Metz, Szabol, Michl, Michl jun.

Die Fortsetzung der Tagung war für den Sonntagvormittag eingeräumt. Hans Vastag nahm diesmal die Moderation vor.
Zunächst ging es um den Hatzfelder Fußball. Als Fußball noch ein Schauspiel war. Hatzfelder Fußballgeschichte von den Anfängen bis zum Zweiten Weltkrieg lautete der Vortrag von Yves-Pierre Detemple.

Besonders interessant schien mir das Referat Der Pipatsch-Pokal der Neuen Banater Zeitung: ein „schwowisches Markenzeichen“ des Semikloschers Felix Matei, zumal die Zeit der Pipatschturniere mir noch gut in Erinnerung ist. Anscheinend erging es nicht nur mir so. Die Gründer dieses Turniers waren Anton Palfi und vor allem Peter Zerwes. Letzterer ist ein gebürtiger Jahrmarkter und lebte jahrelang in Sanktandres. Als Reporter der Neuen Banater Zeitung berichtete er sonntags immer ganz aktuell von der deutschen Bundesliga. Für die damalige Zeit wirklich etwas ganz, ganz Ungewöhnliches. Als Spieler, Organisator und Schiedsrichter hat er auch viel für den Sanktandreser Sport geleistet. Noch in diesem Sommer führte ich mit Peter Zerwes ein Telefongespräch. Er beklagte damals seinen schlechten Gesundheitszustand. Am 25. September 2022 ist Peter Zerwes in Rastatt verstorben. Seine sportlichen Verdienste zeichnete Matei in der vorgetragenen Pipatsch-Pokal-Chronik hervorragend auf.
Aufzeichnungen: Das erste Turnier von der NBZ/Pipatsch organisiert fand 1974 in der Großgemeinde Jahrmarkt statt. Die rumänischen Medien berichteten von den Handballturnieren ausführlich darüber. Im Jahr 1977 wurde das erste Mal eine “Miss Pipatsch” in Großsanktnikolaus gekürt. 1978 war Gastgeber die Nachbargemeinde von Sanktandres Neubeschenowa. 1981 fand eine große banatschwäbische “Handball-Kerwei” im kleinen Ort Wiseschdia statt. Das Jubiläums-Pipatsch-Pokal-Turmier (Nummer 10) fand 1983 statt. Das letzte Turnier im klassischen Modus mit Mitwirkung der Banater Zeitung war im Jahr 2003.

Über den aktuellen Stand des Banater Buches zum Handball informierte Werner Gilde. Das Buch „Zeit der Ballzauber – Kleine Banater Handball-Geschichte“ wird erst im nächsten Jahr erscheinen, da sehr viel Material aufgearbeitet werden muss bzw. sind von einigen Banater Ortschaften noch Beiträge zu erwarten. Unser ehemaliger Heimatort ist mit seinen Sportlern auch vertreten, und zwar unter dem Titel „Sanktandres: Mit Leidenschaft Sport getrieben“.

Als Werner Gilde das Desaster der rumänischen Handballnationalmannschaft der Herren feststellte, erinnerte er sich an die Glanzzeiten des Handballs in Rumänien, wobei viele Banater Handballgrößen dazu beitrugen. Rumänien wurde mehrfach Weltmeister.

Die Referenten (von li. nach re.): F. Matei, H. Schuch, J. Koch, Y-P. Detemple, H. Heimann und W. Gilde mit dem Landesvorsitzenden BW der Banater Schwaben R. Jäger

Die Tagung endete mit einer ausführlichen Diskussion der Teilnehmer und Referenten.
Im Anschluss begab ich mich in die fränkische Universitätsstadt Erlangen. Dort veranstaltete der Bund der Vertriebenen (BdV) seinen alljährlichen Tag der Heimat.

Zum Tag der Heimat 2022 in Erlangen

Der diesjährige Tag stand unter dem Motto Vertriebene und Spätaussiedler – Brückenbauer in Europa. Die Veranstaltung zielte nicht nur auf den Brückenbau, sondern stand auch ganz im Zeichen der Solidarität zu den ukrainischen Flüchtlingen in Deutschland.

Den Nachmittag eröffnete eine Bläsergruppe unter der Leitung des Sanktandresers Werner Hehn.

Dann begrüßte der Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen KV Erlangen – Höchstadt Christoph Lippert mit seinen Mitgliedern die Gäste, die sehr zahlreich im Redoutensaal an diesem Sonntag erschienen sind.

Die Vorstandsmitglieder tätigen Willkommensgrüße im eigenen Dialekt. Für die Banater Schwaben tat es Barbara Hehn (Schriftführerin BdV Erlangen – Höchstadt und Mitorganisatorin dieser Veranstaltung) in Andreser Mundart.


Am Ehrentisch nahmen zahlreiche Politikprominenz (Bürgermeister von Erlangen, Landtag usw.) Platz. Diese verdeutlichten in ihren kurzgehaltenen Ansprachen die Verdienste der Vertriebenen und bedauerten den anhaltenden Krieg in der Ukraine und dessen Folgen.

Bürgermeister der Stadt Erlangen J. Volleth

Stellv. Landrat M. Bachmayer

Ans Rednerpult traten noch Walter Nussel (MdL), Ines-Andrea Reinhold von Drüben (Vorsitzende LV Bayern der Pommerschen LM) und O. Zub (Verein der Ukrainer in Franken).

Peter-Dietmar Leber, Vorsitzender der Landsmannschaft der Banater Schwaben

Den Vertretern der Landsmannschaften schenkte man dieses Jahr besonders Gehör. Für uns Banater Schwaben war die Präsenz von Peter-Dietmar Leber, dem Bundesvorsitzenden der Banater Landsmannschaft und seiner Frau Hiltrud von besonderer Bedeutung. Herr Leber begrüßte in seinem Grußwort die Anwesenden und hob die bereits bis jetzt geleistete Hilfe der Banater Organisationen (Bundesvorstand der Landsmannschaft der Banater Schwaben, Landes- und Kreisverbände der Banater Schwaben sowie die zahlreichen Heimatortsgemeinschaften der Banater Schwaben in Deutschland) hervor. Er erinnerte aber auch an das Schicksal unseres Volkstammes, der ähnliches Leid in der Nachkriegszeit ertragen musste.

Den Politikern und den Vorsitzenden der Landsmannschaften schenkte Herr Lippert je einen Kalender 2023. Der Erlös des Kalenders gilt als Spende für die Ukraine-Flüchtlinge.

Das Kulturprogramm, vorgetragen von der Tanz- und Späldeel Leba, von dem Chor „Sonnenklang“ der Deutschen aus Russland sowie von der Erlanger ukrainischen Kindergruppe Samstagsschule des Vereines der Ukrainer in Franken, ließ keine Langeweile an diesem Nachmittag aufkommen. Auch Ehrungen und eine Berichterstattung von dem Ukrainekrieg trugen zur außergewöhnlichen Aufmerksamkeit der Zuhörer/innen bei. Gemeinsam wurden auch Lieder wie „Die Gedanken sind frei“ oder „Kein schöner Land in dieser Zeit“ gesungen.
Zum Schluss erklang die deutsche Nationalhymne, gespielt von der Bläsergruppe, wobei die Teilnehmer kräftig mitsangen.
Vor der Verabschiedung machten die anwesenden Banater Schwaben bei dem diesjährigen Tag der Heimat in Erlangen ein Gruppenfoto.       



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