Da wir möglichst viel von der Heimat unserer donauschwäbischen Landsleute kennenlernen wollten, hatte Viviane ein abwechslungsreiches Besichtigungsprogramm für uns vorbereitet. Der ursprünglich geplante Ablauf musste ein wenig angepasst werden, da es in den Tagen vor unserer Ankunft kräftig geregnet hatte und das Freizeitzentrum zu nass war.
Begegnungen, die zu Herzen gehen
Um 10 Uhr starteten wir mit dem Besuch des Pflegeheims. Besonders schön war es, mit den älteren Bewohnerinnen und Bewohnern ins Gespräch zu kommen. Doch wir waren nicht nur zum Zuhören gekommen: Wir wollten ihnen auch eine Freude machen und sangen gemeinsam einige vertraute deutsche Volkslieder.
Bei „Die Gedanken sind frei“ und „Kein schöner Land“ geschah etwas ganz Besonderes. So manche ältere Dame kannte die Strophen noch auswendig und stimmte kräftig mit ein. Musik überwindet eben Grenzen und verbindet Generationen – selbst dann, wenn viele Jahre und Tausende Kilometer zwischen den Menschen liegen.
Zum Abschluss sangen wir „Muss i denn zum Städtele hinaus“. Ein Lied, das wohl kaum besser zu unserer Reise und zur Geschichte der Auswanderung passen könnte. Anschließend wurden wir noch in den Garten zur Kapelle begleitet.
Diese Begegnung wird uns sicherlich in besonderer Erinnerung bleiben. Für einen Moment waren wir nicht einfach Besucher aus Deutschland, sondern Menschen, die durch Sprache, Lieder und gemeinsame Wurzeln miteinander verbunden sind.
Deutscher Kindergarten und Schule
Als Nächstes besuchten wir den Kindergarten. Hier konnten wir erleben, wie die deutsche Sprache bereits den Jüngsten spielerisch vermittelt wird, wenn sie nicht schon von zu Hause aus bekannt ist. In altersgerechten Gruppen lernen die Kinder sogar bereits Buchstaben kennen und lernen erste Tanzschritte um auf die Tanzgruppen vorbereitet zu werden.
Besonders beeindruckend fanden wir auch die Bibliothek. Die Kinder dürfen sich jeweils ein Buch für eine Woche ausleihen und damit ihre Freude am Lesen entdecken.
Es war schön zu sehen, dass die Weitergabe der Sprache und Kultur in Entre Rios nicht nur ein Rückblick auf die Vergangenheit ist, sondern aktiv in die Zukunft getragen wird.
Die Geschichte eines großen Lebenswerks
Nach einem leckere Mittagessen im Gartenrestaurant des Veranstaltungszentrums und einem Gruppenfoto mit den bronzenen Einwanderern ging es mit unserem Besichtigungsprogramm weiter.
Unser nächstes Ziel war das Memorial Leh, das ehemalige Wohnhaus von Elisabeth und Mathias Leh, der die Entwicklung der Agraria als Vorsitzender maßgeblich geprägt hatte. Dort wurden wir von zweien seiner Kinder herzlich empfangen.
Sie erzählten uns vom Leben ihres Vaters und von seinem außergewöhnlichen Lebenswerk. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Genossenschaft zu dem bedeutenden Unternehmen, das sie heute ist. Dabei wurde deutlich, wie viel Weitblick, Einsatzbereitschaft und Durchhaltevermögen nötig waren, um aus bescheidenen Anfängen eine tragfähige wirtschaftliche Grundlage für die Gemeinschaft zu schaffen.
Die Geschichte von Mathias Leh hat uns tief beeindruckt. Sie steht stellvertretend für Menschen, die nicht nur an ihre eigene Zukunft dachten, sondern Verantwortung für eine ganze Gemeinschaft übernahmen.








Landwirtschaftliche Forschung auf höchstem Niveau
Anschließend besichtigten wir die FAPA, das landwirtschaftliche Forschungszentrum. Was sich hinter dieser Einrichtung verbirgt, war für viele von uns überraschend: Forschungsflächen, Versuchsfelder, Labore und Büros zeigen, wie intensiv hier an modernen Lösungen für die Landwirtschaft gearbeitet wird.
Die Zusammenarbeit mit großen Unternehmen, darunter BASF in Deutschland, verdeutlicht die internationale Bedeutung der Forschungsarbeit.
Hier wurde uns einmal mehr bewusst, wie weit sich Entre Rios seit seiner Gründung entwickelt hat. Aus einer Siedlung, in der die ersten Familien unter schwierigen Bedingungen einen Neuanfang wagten, ist ein moderner Wirtschafts- und Forschungsstandort geworden.








Von der Braukunst bis zur perfekten Backmischung
ier erwartete uns ein besonders interessanter Einblick in die Entwicklung neuer Getränke. Braumeister Alex erklärte uns die Arbeit in der Brauerei und Brennerei und zeigte, wie hier gemeinsam mit großen Brauereien neue Bierkreationen und hochprozentige Getränke entwickelt werden.
Es geht dabei nicht um die Massenproduktion für den Verkauf, sondern um Ideen, Rezepturen und die Kreation neuer Produkte in Zusammenarbeit mit großen Partnern aus der Branche.
Natürlich durfte auch eine Kostprobe nicht fehlen: Gin, Whisky und weitere Spirituosen standen für uns zum Probieren bereit.
Auch bei IREKS konnten wir erleben, wie neue Produkte entstehen. Dort werden Backmischungen entwickelt und getestet, wobei das Mehl aus eigener Herstellung stammt. Geschmack, Qualität und Haltbarkeit spielen dabei eine wichtige Rolle.
Diese Einblicke zeigten uns eine weitere, uns weniger bekannte Seite von Entre Rios: Neben Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion gehören auch Forschung, Produktentwicklung und die Zusammenarbeit mit großen Unternehmen zum wirtschaftlichen Erfolg der Gemeinschaft.
Und immer wieder kam derselbe Gedanke auf: Was haben diese Menschen in nur 75 Jahren geschaffen! Damals, fernab der alten Heimat und in einer für sie zunächst fremden Umgebung, mussten sie sich unter schwierigen Bedingungen eine neue Existenz aufbauen. Heute sehen wir moderne Betriebe, Forschungseinrichtungen und eine leistungsfähige Genossenschaft. Das verdient unseren größten Respekt.








Ein Musical, das Geschichte lebendig werden lässt
Nach diesem vollgepackten Tag wartete am Abend noch ein kultureller Höhepunkt auf uns: ein eigens zum 75-jährigen Jubiläum gestaltetes Musical.
Was die Theatergruppen auf die Bühne brachten, war schlichtweg gigantisch! Das Musical war selbst geschrieben, die Kostüme waren eigenhändig genäht und das gesamte Bühnenbild in Eigenregie gestaltet worden. Schauspiel, Musik und Gesang verbanden sich zu einer mitreißenden Aufführung, die uns die Geschichte der Donauschwaben auf ganz besondere Weise näherbrachte.
Die Handlung begann mit zwei Kindern, die beim Durchblättern eines Heimatbuches auf wundersame Weise in die Vergangenheit gerieten. Plötzlich erlebten sie selbst die verschiedenen Stationen der donauschwäbischen Geschichte – von der Auswanderung bis zum Neuanfang in Entre Rios.
Wir begleiteten die Menschen auf ihrer langen Reise über das Meer, sahen den Bau der ersten Häuser und das mühsame Bestellen der Felder. Wir erlebten die Schwierigkeiten mit der fremden portugiesischen Sprache, das Heimweh nach der verlorenen Heimat und zugleich die Freude am gemeinsamen Feiern und Singen.
Auch der Kampf gegen das Vergessen wurde eindrucksvoll dargestellt. Denn eine Gemeinschaft lebt nicht allein davon, dass ihre Mitglieder zusammenarbeiten. Sie lebt auch von ihren Erinnerungen, ihren Liedern, ihrer Sprache und dem Wissen um die eigene Herkunft.
Die Darsteller schafften es, all diese Themen mit großer Ausdruckskraft auf die Bühne zu bringen. Man spürte, wie viel Herzblut in dieser Aufführung steckte – bei den Schauspielern ebenso wie bei den Musikern und Sängern.
„Wir sind Donauschwabenkindeskinder“
Zum großen Finale versammelten sich Jung und Alt gemeinsam auf der Bühne. Ein bewegendes Bild: Menschen verschiedener Generationen, vereint durch ihre Herkunft und die Geschichte ihrer Vorfahren.
Dazu erklang das Lied mit den Zeilen:
„Wir sind Donauschwabenkindeskinder, verstreut auf viele Länder dieser Erde, doch im Herzen sind wir uns stets nah.“
Wir saßen im Publikum und waren tief beeindruckt. Was für eine Leistung, eine solche Aufführung auf die Beine zu stellen! Und was für ein Zeichen lebendiger Kultur, wenn Kinder, Jugendliche und Erwachsene gemeinsam auf der Bühne stehen, um ihre Geschichte zu erzählen.








Ein Geschenk, das Heimat und Freundschaft verbindet
Nach dem fulminanten Finale wurden alle Sponsoren auf die Bühne gebeten, um ihnen für ihre Unterstützung zu danken. Dann kam auch für uns der große Moment: die Übergabe unseres Jubiläumsgeschenks.
Hans, unser HOG Vorsitzender, betrat die Bühne, bedankte sich herzlich für den freundlichen Empfang und die große Gastfreundschaft, die uns in Entre Rios entgegengebracht wurde. Anschließend überreichte er Viviane unsere eigens für das 75-jährige Jubiläum gestaltete Plakette.
Ein besonderer Augenblick für uns alle! Mit diesem Geschenk wollten wir unsere Glückwünsche übermitteln und zugleich unsere Verbundenheit mit den Donauschwaben in Brasilien zum Ausdruck bringen. Trotz der großen Entfernung verbindet uns eine gemeinsame Geschichte, unsere Sprache und das Bewusstsein, wo unsere Wurzeln liegen.
Nach der feierlichen Übergabe ging es gleich wieder lebhaft weiter: Auf der Bühne stand der traditionelle Fassanstich auf dem Programm. Damit wurde ein weiterer festlicher Höhepunkt erreicht und der offizielle Teil des Abends ging zu Ende. Wir und weitere Besucher gingen zum Abschied in eine weitere deutsche Brauerei „Schwabenbier“ im zweiten Dorf um den tollen Abend bei gutem Essen und Bier abzuschließen.
Ein Tag voller Eindrücke, Begegnungen und Erkenntnisse – und ein Abend, der uns noch lange in Erinnerung bleiben wird.

