Der Tag begann zunächst ziemlich hektisch. Auf dem Programm stand eine Fahrt mit dem historischen Serra Verde Express durch den subtropischen Regenwald – einer der Gründe, weshalb wir überhaupt Curitiba als Reiseziel gewählt hatten. Doch der Bus, der uns zum Bahnhof bringen sollte, wollte und wollte einfach nicht auftauchen.
Gott sei Dank hatten wir Lucas dabei! Unser Reiseleiter telefonierte unermüdlich herum und fand schließlich heraus, dass der Fahrer am falschen Hotel wartete. Als das Missverständnis endlich geklärt war, kämpften wir uns durch den dichten Verkehr der Innenstadt. Nach rund 25 Minuten erreichten wir den Bahnhof – allerdings gerade noch rechtzeitig, um unserem Zug beim Abfahren zuzusehen!
Die Enttäuschung war natürlich groß. Schließlich hatten wir uns ganz besonders auf diese historische Eisenbahnfahrt gefreut. Doch Lucas ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Souverän organisierte er kurzerhand um: Die Tickets wurden umgetauscht und so planten wir, am Nachmittag mit dem Bus nach Morretes zu fahren. Die Rückfahrt nach Curitiba sollte dann mit der Bahn durch den Regenwald stattfinden.
Da uns durch die verpasste Zugfahrt nun der gesamte Vormittag zur Verfügung stand, nutzte Lucas die Gelegenheit und besuchte mit uns zunächst den Botanischen Garten von Curitiba.








Die anschließend längere Busfahrt nach Morretes bot uns die Gelegenheit, Lucas etwas näher kennenzulernen. Dabei stellte sich heraus, dass auch seine Mutter rumäniendeutsche Wurzeln hat. Ein kurzer Anruf zu Hause brachte schließlich eine überraschende Familiengeschichte ans Licht: Sein Großvater war aus Lenauheim ausgewandert! Was für ein Zufall! Die Freude über diese unerwartete Verbindung war auf beiden Seiten groß. Spontan luden wir ihn ein, uns einmal in Deutschland zu besuchen und gemeinsam mit uns die Spuren seiner Familie im Banat zu erkunden.
In Morretes angekommen, machte der Regenwald seinem Namen alle Ehre: Es regnete! Deshalb ging es erst einmal direkt zum Mittagessen ins Restaurant „Madalozzo“. Dort gab es zunächst einen kleinen Appetitanreger – und natürlich durfte auch unser in Brasilien wohl am häufigsten gesungenes Lied nicht fehlen: „Prost, Prost, Prösterchen…“.
Anschließend erwartete uns die kulinarische Spezialität der historischen Kolonialstadt Morretes: Barreado. Dabei handelt es sich um einen kräftigen Eintopf aus Rindfleisch, Speck, Zwiebeln, Knoblauch und verschiedenen Gewürzen wie Lorbeer und Kreuzkümmel. Traditionell schmort das Fleisch etwa zwölf Stunden in einem verschlossenen Tontopf, bis es wunderbar zart ist. Eine echte regionale Spezialität, die wir uns natürlich nicht entgehen ließen!






Und dann kam endlich der Moment, auf den wir so lange gewartet hatten: die Zugfahrt durch den Regenwald! Diesmal waren wir mehr als pünktlich am Bahnhof und konnten ganz entspannt in unser eigens für die Gruppe reserviertes Abteil einsteigen.Davor reichte die Zeit sogar noch für einen kleinen Flashmob: aus verschiedenen Ecken des Wartessaales sangen wir unsere Andreser „Hymne“: „Gut wieder hier zu sein“ und weckten so das Interesse der ganzen Bahntouristen.
Lucas begleitete uns auch während der Fahrt und übersetzte die vielen interessanten Informationen der Zugbegleiter ins Deutsche. So erfuhren wir unter anderem, dass die historische Bahnstrecke zwischen 1880 und 1885 gebaut worden war, um Mate-Tee aus dem Landesinneren an die Küste zu transportieren und von dort zu verschiffen.
Die Fahrt selbst war ein einmaliges Erlebnis. Vor unseren Fenstern breitete sich der üppige subtropische Regenwald aus: riesige, hoch aufragende Bäume, exotische Blumen und eine unglaubliche Vielfalt an Pflanzen. Die Bahnstrecke führte über mehr als 30 Brücken und durch 13 Tunnel. Immer wieder boten sich faszinierende Ausblicke auf die dicht bewachsenen Hänge und die beeindruckende Landschaft. Jetzt konnten wir endlich die Zugfahrt genießen, auf die wir uns so gefreut hatten!
Die letzte Stunde wurde dann noch einmal besonders fröhlich. Bei guter Stimmung und mit viel Gesang verging die Zeit wie im Flug, bis wir schließlich Curitiba erreichten.








Auch von Lucas mussten wir uns verabschieden. Und dieser Abschied wurde noch einmal richtig emotional. Nachdem wir erst „Wahre Freundschaft“ zum Besten gaben, bat er uns, nochmal das „traurige Lied mit den Wegen“ zu singen, das wir bereits im Zug gesungen hatten. Auf seinen Wunsch hin sangen wir also nochmal das irirsche Segenslied „Möge die Straße uns zusammenführen“. Gerade dieses Lied hatte für ihn eine besondere Bedeutung, denn seine Oma hatte es ihm schon als Kind vorgesungen.
Was für ein schöner Moment! Aus einer zunächst verpassten Zugfahrt war ein Tag voller Überraschungen, neuer Erkenntnisse und menschlicher Verbundenheit geworden. Dass wir ausgerechnet in Brasilien auf jemanden treffen würden, dessen Familiengeschichte uns so eng mit unserer eigenen verbindet, hätte wohl keiner von uns erwartet.
Und wieder einmal zeigte sich: Reisen bedeutet nicht nur, neue Länder und Landschaften kennenzulernen. Es sind auch die Begegnungen mit Menschen, die eine Reise unvergesslich machen.


