Zu Gast im Haus der Donauschwaben

Sommerhitze waltete an zwei Veranstaltungstagen, die am 24. und 27. Juni 2026 im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen zur Austragung kamen. Nichtsdestotrotz lohnte es sich, den Events beizuwohnen. Keine Besucherin und kein Besucher dürfte es bereut haben, im Haus an der Goldmühlestraße 30 an den Vorträgen teilgenommen zu haben.

Die Sathmarer Schwaben in Rumänien und in Ungarn bildeten die zentralen Themenbereiche, die trotz ihrer großen Ähnlichkeiten voneinander differenzierbar sind.

Mitte der vierten Juniwoche fand zu einem wissenschaftlichen Vortrag eine Eröffnung einer Sonderausstellung statt, während sich am Wochenende die Frage stellte: Wer sind die Sathmarer Schwaben?

24.6.2026
27.6.2026

Vortrag “Unbekannte deutsche Minderheitengebiete in der nordöstlichen Kulturregion Ungarns” und Eröffnungsfeier der Sonderausstellung “Das Gedenken der Gerechten ist gesegnet”.

Der wissenschaftliche Vortrag zu diesem Thema widmete sich den deutschen Minderheitengemeinden im Nordosten Ungarns, insbesondere den Sathmarer Schwaben nahezu an der Grenze Ungarns zu Rumänien. Diese im 18. und 19. Jahrhundert besiedelten Orte haben in der historischen und ethnografischen Forschung bislang kaum Beachtung gefunden und sind bis dato auch in der Öffentlichkeit wenig bekannt. Das sollte sich nun durch diese geplante Präsentation ändern.
Frau Dr. Violeta Bakia, Leiterin des Hauses der Donauschwaben in Sindelfingen, eröffnete die Veranstaltung. Sie begrüßte die Ehrengäste wie Petra Pechbrenner, Referentin für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa – Ministerium des Inneren, für Digitalisierung und Europa Baden-Württemberg; Dr. Hertha Schwarz, stellvertretende Vorsitzende des Hauses der Donauschwaben; Dr. Ágnes Sebestyén, Geschäftsführerin Donauschwäbische Kulturstiftung des Landes Baden-Württemberg Stuttgart; Tamás Szalay, Direktor des Donauschwäbischen Zentralmuseums in Ulm; Wilhelmine Schnichels, Vorsitzende der Donauschwäbischen Kulturstiftung in München; Rosi Tom, Landesvorsitzende BW der Landsmannschaft der Sathmarer Schwaben; Dr. Christiane Meis, ehemalige Leiterin des Referats 27 Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Staatsangehörigkeitsrecht sowie Dr. Melinda Marinka, Assistenzprofessorin der Universität Debrecen. Als Vertreter des Bundesvorstands der Landsmannschaft der Banater Schwaben war Johann Janzer zugegen. Die Leiterin hieß auch Joschi Ament, den Bundes- und Landesvorsitzenden der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn, herzlich willkommen.

Dr. Violeta Bakia

Das Grußwort sprach Joschi Ament. Er schilderte das Schicksal seiner Familie und verglich immer wieder das Leben der Seinigen mit dem allgemeinen sonderbaren Lebenstrott der Deutschen aus ganz Ungarn. Vor allem die Deportation in die ehemalige UdSSR und die anschließende Vertreibung in vielen Regionen Ungarns beschäftigen den Bundes- und Landesvorsitzenden der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn.

Joschi Ament

Der Vortrag von Frau Dr. Melinda Marinka stützte sich auf über 20 Jahre Feldforschung und stellte erhaltene Kulturzeichen, lokale Identitätssymbole sowie neu entstandene Erinnerungsorte in ihrem historischen und gesellschaftlichen Kontext vor. U. a. sprach sie gezielt in Text und Bild von den sathmarschwäbischen Orten wie Merk, Wahlei, Zaiten, Sima, Trautsondorf, Józseffalva, Károlyfalva etc. Jeder Ort erhielt seinen gebührenden Platz in Dr. Marinkas detailliertem Referat an diesem Spätnachmittag.

Dr. Melinda Marinka spricht im Saal “Banat” zum Publikum

Anschließend wurde im Foyer des Hauses die Ausstellung eröffnet. Anhand historischer Dokumente, Fotografien und persönlicher Schicksale wurde die Deportation von 547 Ungarndeutschen, 386 Männern und 161 Frauen aus Balmazújváros, einer ungarischen Kleinstadt im gleichnamigen Kreis im Komitat Hajdú-Bihar, in sowjetische Gulags dokumentiert. 133 Personen sind nie wieder zurückgekehrt. Einigen Schätzungen zufolge gibt es nur wenige Ortschaften, aus denen im Verhältnis zur Einwohnerzahl so viele Menschen verschleppt wurden.
Die Ausstellung wurde gemeinsam von der Reformierten Kirchengemeinde Balmazújváros, der deutschen Gemeinde Deutschdorf und dem Institut für Ethnologie und Museologie der Universität Debrecen kuratiert.
Die Expo ist bis Ende Juli im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen zu sehen.

Bei einem regen Austausch der Anwesenden im Foyer des Donauschwabenhauses stellte sich auch die Frage der Assimilierung der Sathmarer Schwaben des benachbarten Gebietes, nämlich des Sathmarer Landes mit seinen Sathmarer Schwaben in Rumänien. Somit stieg automatisch schon das Interesse und die Spannung auf das bevorstehende Ereignis am Juniwochenende.

Die Vernissage

Event “Wer sind die Sathmarer Schwaben?”

Am Samstag, den 27. Juni, vor der Mittagsstunde, hallte im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen ein gut bekanntes Lied durch den Saal: “Wo die Donau fließt nach Süden”, untermalt mit Bildern aus der Sathmarer Gegend in Rumänien. Somit wurde das Publikum auf eine sehr attraktive Veranstaltung des Landesverbandes Baden-Württemberg der Sathmarer Schwaben eingestimmt.

Die Vorsitzende dieses Landes, Rosi Tom, begrüßte sodann die Gäste.

Rosi Tom

Sie ließ in sathmarschwäbischer Mundart Dr. Violeta Bakia, die Leiterin des Hauses; Bettina Schröck, die Assistentin des Hauses; Sylvia Herrmann, Bibliothekarin des Hauses; Anna Probst, die HOG-Referentin und stellvertretende Landesvorsitzende der Landsmannschaft der Sathmarer Schwaben in Baden-Württemberg; Dr. Melinda Marinka, Assistenzprofessorin der Universität Debrecen (Ungarn) sowie die anwesenden Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen, herzlich willkommen heißen.

Anschließend bat die Landesvorsitzende der Landsmannschaft, Dr. Violeta Bakia (Hausleitung), ans Mikrofon, um ein paar Worte in “Deutsch” ans Publikum zu richten, wie sie ironisch gut gelaunt formulierte.

Dr. Violeta Bakia

Für sie ist es eine besondere Ehre, am heutigen Tage am Rednerpult zu stehen und die Lebensbahn der Sathmarschwaben zu erfahren, meinte die Leiterin des Hauses. Sie ist seit geraumer Zeit im Donauschwabenhaus beheimatet und hat großes Interesse an der Geschichte der Donauschwaben. Sie meinte, dass das schön sanierte Haus in Sindelfingen die geeignetste Anlaufstelle hierfür sei.

Gespannt warteten die Anwesenden auf den angekündigten Vortrag von Gertrud Geng. Sie ist eine geborene Böhm. Sie stellte sich kurz vor. Sie besuchte in den 1970er Jahren das deutsche pädagogische Lyzeum in Hermannstadt und widmete sich viele Jahre in ihrem Heimatort Scheindorf (Sathmarland) sowie auch in Deutschland ununterbrochen den Vorschulkindern als Erzieherin. Es war sehr rasch zu erkennen, dass sie nicht nur im Schulwesen, sondern auch in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit in der Landsmannschaft der Sathmarer mit großer Leidenschaft dabei ist.

Gertrude Geng

Robert Knill, ebenfalls ein Landsmann aus Sathmar, unterstützte sie beim Aufbau ihres Referats.

Wer sind die Satmarer Schwaben?
Hierzu referierte Frau G. Geng.

Zunächst präsentierte sie das Schild der Auswanderung bzw. der Ansiedlung der ersten Siedler im Jahr 1712, das am Donauufer in Ulm angebracht ist. Es war die erste Ansiedlung der Oberschwaben im Sathmarland. Bis Ende des 18. Jahrhunderts wurden 31 Ortschaften besiedelt. Die Siedler übten hauptsächlich den Beruf eines Handwerkers aus. Der Glaube spielte eine zentrale Rolle im Leben der Sathmarer Schwaben. Darum wurden am Anfang des 19. Jahrhunderts die Kirchen aus Holz und Stein erbaut. Die Bevölkerung aus dieser Gegend beharrte stets auf ihren Bräuchen und Sitten. Im Vortrag wurden zum Beispiel der “Funka Sonntag”, das Vertreiben des Winters mit einem Feuer; “Mädla netza”, das Bespritzen der Mädchen, dass die Pflanzen im Frühling wachsen; die Kirchweihfeste; Traubenbälle, die Feier zur Traubenlese oder auch die Neujahrswünsche. Dazu trug Frau Geng einen Neujahrswunsch vor. Die Blütezeit der Sathmarer Schwaben ließ nicht lange auf sich warten. Schöne Bauernhäuser schmückten die Dörfer. Am Fuße der Hügel entstanden große Weinkeller. Es wurden zahlreiche Schulen errichtet. Dann kam der Krieg. Das Land zählte ca. 3.000 Evakuierte. Ein Artikel des Scheindorfer Dorfpfarrers bezeugt dieses Leiden. Frau Geng las den Bericht vor. Am 9.10.1944 zogen die ersten russischen Truppen in Sathmar ein. Es folgte die schreckliche Deportation nach Russland. Vorgezeigte Fotos bestätigten das Martyrium jener Zeit. Ab dem Jahr 1978 setzte sich die Abwanderung der Sathmarer Schwaben nach Deutschland in Bewegung. Im Jahr 1980 lebten noch 38.000 Schwaben in Sathmar. Im Jahr 2021 zählte man nur noch 3.722 Personen deutscher Abstammung im Kreis Sathmar. Heutzutage gibt es ein Deutsches Forum in der Kreisstadt. Viele junge Leute arbeiten im Ausland. Man schätzt, dass in Deutschland etwa 25.000 – 30.000 Personen mit Sathmarer Wurzeln noch leben.

Gertrude Geng wies auf die Aktivitäten der Sathmarer Landsmannschaft hin. Kirchweihfeste, Ostermärkte, Traubenbälle, Fußballspiele, Auslandsfahrten, Zusammenkünfte, sonstige Feiern und nicht zuletzt die Heimattreffen stehen nach wie vor in dem Veranstaltungskalender. Dabei lud sie alle Anwesenden zu einem geplanten Fest im nächsten Jahr ein.

Tag der Heimat 2027: “80 Jahre Landsmannschaft der Sathmarer Schwaben”.

Ein Schmankerl konnte Frau Geng dem sehr interessierten Publikum noch anbieten. Sie zeigte auf der Leinwand des Raumes die Geschichte der Sathmarer Schwaben anhand eines Filmes, der im Auftrag der Sathmarer Landsmannschaft entstanden ist. Eine Sandmalerin aus München lässt Sand rieseln und fertigt ein bemerkenswertes Kunststück.

“… unsere Wurzeln!”
Sand-Art. Kreativ-Agentur. sandmaler.com

Zum Abschluss der Veranstaltung griff Gerdi Geng zum Akkordeon sowie auch zu ihrer Gitarre und forderte alle Teilnehmer/innen auf, mitzusingen. “Wahre Freundschaft” und die Melodie “Oh du Sathmarland” waren für viele Gäste sicherlich keine Herausforderung. Noch bewegter und schöner klang es, als ihr Ehemann Toni ungezwungen und spontan zum Mikrofon griff und dem Event den letzten Schliff gab.

Bei einem kleinen Imbiss saßen die Besucher, die aus den unterschiedlichsten Gegenden stammen und kamen, und über dies und jenes unterhaltsam plauderten.

Meine Feststellung: Wir Donauschwaben gehören einfach zueinander. Denn wie sagt man so schön: “Am Fluss des Lebens: Die Brücke der Begegnung heißt Miteinander.”

FAZIT/HINWEIS/EMPFEHLUNG:

Identitätsbewusstsein der Sathmarer Schwaben erfolgreich nach außen getragen.

Gertrud Geng, geb. Böhm, würde sehr gerne mit ehemaligen Schulkameradinnen vom Pädagogischen Lyzeum Hermannstadt (1974 – 1978) Kontakt aufnehmen. Bitte melden!

Das Haus der Donauschwaben in Sindelfingen steht uns Donauschwaben inkl. Banater- und Sathmarschwaben, Banater Berglanddeutschen und Ungarndeutschen zur Verfügung. Wir sollten dieses Privileg nutzen.

Schreiben Sie einen Kommentar

+ 21 = 23
Powered by MathCaptcha