
Zwischen Baum, Strauß und Erinnerung. Wie die Kerwei im Banat weiterlebt.
Das Banater Kulturerbe neu entdeckt: Siegfried Thiel (Redaktionsleiter der Banater Zeitung) eröffnet in seinem neuen Band Das Banater Kulturerbe heute. Kirchweih im Banat. Religiöse und weltliche Perspektive einen differenzierten Blick auf gelebte Tradition zwischen religiöser Verwurzelung und gesellschaftlichem Wandel.
Mit der jüngsten Veröffentlichung seines Buches legt der Autor ein kenntnisreiches wie anschaulich geschriebenes Werk vor, das sich einem zentralen Bestandteil des kulturellen
Lebens im Banat widmet. Im Spannungsfeld von religiöser Tradition und gesellschaftlichem Wandel zeichnet der Autor ein facettenreiches Bild der Kirchweih als gelebtes Brauchtum. Dabei verbindet der Band wissenschaftliche Präzision mit einer lebendigen Darstellung, die sowohl Fachpublikum als auch kulturinteressierte Leser an spricht, eine beeindruckende Neuerscheinung, die das Bewusstsein für das Banater Kulturerbe nachhaltig schärft. Die
Buchpräsentation fand am 15. Mai 2026 im Temeswarer AMG-Haus statt.
Das Buch beginnt nicht wie eine Studie, sondern wie eine Rückkehr. Nicht in ein Land, sondern in eine Zeit. Und vielleicht sogar noch genauer: in eine Haltung zur Welt, die uns heute zunehmend fremd geworden ist. Denn was hier beschrieben wird, ist kein Fest im üblichen Sinne. Es ist kein Event, kein „kulturelles Angebot“, keine folkloristische Inszenierung. Es ist ein Zustand. Eine Verdichtung von Leben. Eine Form von Gemeinschaft, die sich selbst ernst nimmt. Schon im Vorwort setzt Thiel den Ton, leise, aber entschieden: „Das vorliegende Buch beruht auf meinen eigenen Erfahrungen als ‚schwowischer Bub‘“. Man könnte diesen Satz überlesen. Man sollte es nicht. Denn in ihm liegt das gesamte Programm dieses Buches. Hier schreibt keiner von außen. Hier schreibt keiner, der nur beobachtet. Hier schreibt jemand, der dazugehört hat. Und der weiß, dass Zugehörigkeit kein Begriff ist, sondern eine Erfahrung, ein Gefühl. Diese Perspektive wird im Vorwort noch einmal vertieft, wenn der Autor zugibt, dass das Buch „aus eigenen Erfahrungen berichtet“ und damit bewusst nicht die distanzierte Perspektive der reinen Dokumentation einnimmt. Genau darin liegt die Besonderheit und hohe Qualität des Buches: Es ist kein Blick auf die Kerwei, sondern ein Sprechen aus ihr heraus.
Wenn die Dörfer erzählen…
Wer heute nach den Orten fragt, in denen die Banater Kirchweih nicht nur gefeiert, sondern er zählt wird, stößt in Siegfried Thiels neuestem Werk auf ein dichtes Netz von Dörfern, deren Namen wie ein Echo vergangener Gemeinschaften klingen, die aber in den letzten Jahren die Tradition der Kirchweih wieder aufgenommen haben: Bakowa, Nitzkydorf, Busiasch, Sanktanna, Sanktandres, Tschanad, aber auch Russberg, Charlotten burg, Lowrin, Gottlob, Detta, Hatzfeld, Neuarad oder Billed. Doch was bleibt von diesen Orten, wenn die Musik verklungen ist? Und wer erzählt ihre Geschichte weiter?
Sanktandres: Ein Gewebe der Erinnerung
Die wohl dichteste und ausführlichste Darstellung des Festes findet man in Sanktandres, dort, wo die Kirchweih auf eine lange Geschichte zurück blickt und am letzten Sonntag im November gefeiert wurde. Von den Vorbereitungen Wochen im Voraus bis zum letzten Tanz am Mittwoch morgen wird jeder Schritt beschrieben. Die Feierlichkeiten werden von Märkten, Karussells und
Ständen ergänzt, während Jugendliche in Tracht tanzen und das Vortänzerpaar in die Organisation des Festes eingebunden ist. Die Kerweih erscheint hier als Lebenszyklus im Kleinen und spielt bis heute eine wichtige Rolle in der Gemeinschaft von Sanktandres.
Was bleibt, wenn die Musik verstummt ist?
Wie sich aus Thiels Buch bemerken lässt, sind die Kirchweihen in Bakowa, Sanktanna und vor allem Sanktandres am ausführlichsten beschrieben, dort, wo Ablauf, Symbolik und soziale Dynamik bis ins Detail nach vollziehbar werden. Wie aus den Reportagen, Interviews und Texten von Siegfried Thiel zu entnehmen ist, weisen die Kirchweihen in den verschiedenen Dörfern viele Gemeinsamkeiten auf. Dennoch bleibt jede Kerwei ein Fest, das sich aus einer jeweils „individuell auf den Ort zugeschnittenen“ Perspektive verstehen lässt. (…)
Das Werk zeigt dem Leser, dass das Banater Kulturerbe nicht nur aus Gegenständen, Trachten, Ritualen oder Bräuchen besteht. Es lebt in der Beteiligung, im Miteinander, in den Geschichten von gestern und heute, in den Begegnungen zwischen Alt und Jung, in der Brücke zwischen den Generationen. Siegfried Thiel gelingt es auf eindrucksvolle Weise zu belegen, dass die Erhaltung des Banater Kulturerbes aktive Verantwortung verlangt, sie lebt von Teilnahme, Engagement, Verbundenheit. Alles andere bleibt Erinnerung. Doch Erinnerung allein genügt nicht. Sie wird nur dann wirksam, wenn sie getragen, weiter gegeben und erlebt wird. So wird Tradition nicht nur zu einer bloßen Dokumentation der Vergangenheit, sondern sie ist Teil einer lebendigen Gegenwart. Einer Gegenwart, die wir gemeinsam erleben, teilen und weitergeben, als „Tage des Frohsinns und Feierns“, als Moment des Rückblicks, der Wertschätzung und der Dankbarkeit. Für das Banat. Für unsere Kultur. Für unser Erbe. Für all das, was mal war, für all das, was ist und für all das, was kommen wird. Für gestern, für heute und für morgen. Alles andere ist Erinnerung. Und Erinnerung allein genügt nicht.
(aus HEIMATGESCHICHTE, erschienen in der ADZ/Banater Zeitung am 6. Mai 2026 von Bogdan Mihai Dascălu)
Sanktandreser Geschichte in Bilder ausgedrückt


Wie wurde ein Kirchweihfest in Sanktandres vorbereitet?
Wie verlief die Kerweih in Andres?
Persönliche Erinnerungen von Johann Stemper.
All dies ist in dem Buch von Siegfried Thiel zu lesen.
Die Buchpräsentation am 15. März

„Unser Brauchtum in Ehren“ lautet die Widmung, die Siegfried Thiel für seine Leser formulierte.
“Das Banater Kulturerbe heute: Kirchweih im Banat. Religiöse und weltliche Perspektive“, unter Freunden und Kollegen als sein „Kerweihbuch“ bekannt, hat der BZ-Redaktionsleiter im Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus vor einem mit Gästen, Freunden und Familie vollen Saal
vorgestellt.
Zugegen war auch der DFDR-Abgeordnete Ovidiu Ganț. Der Abgeordnete sagte: “Die Hauptaufgabe des DFDR ist die Bewahrung der Muttersprache und der Traditionen dieser Minderheit. Das ist das Wichtigste, was dieses Buch macht. Heutzutage geht vieles verloren, was die Geschichte der Banater Schwaben anbelangt, und es sind ziemlich wenig Leute bereit, zu dokumentieren, was die deutsche Zivilisation im Banat bedeutet hat.” Ganț erklärte dem Publikum auch seinen langen Einsatz dafür, dass die Kirchweih zum immateriellen Weltkulturerbe erhoben werde, was das hiesige Dorfmuseum in die Wege leiten müsse und wofür Siegfried Thiels Buch „eine gute Dokumentationsquelle“ darstellen könne.
Im AMG-Haus waren auch die Konsulin der Bundesrepublik Deutschland, Anja Zougouari, der Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat, Benjamin Neurohr, der Vorsitzende des Demokratischen Forums der Berglanddeutschen, Erwin Josef Țigla, und die Nürnberger Stadträtin und gebürtige Banaterin, die aus Fibisch stammt, Helmine Buchsbaum. Benjamin Neurohr, der auch Mitglied des Temeswarer Literaturkreises “Stafette” ist, zeigte sich dankbar, dass das Publikum „so zahlreich bei einer Buchveröffentlichung erschienen ist. Das zeigt, dass man hierzulande noch liest.”
Helmine Buchsbaum sprach die Leute im Saal “uff Schwowisch” an und rief zum Zusammenhalten auf, denn Kerweih ist „das Fest der Liebe, des Glaubens und der Traditionen“.
Für eine gemütliche Atmosphäre sorgten die Solistin Renate Binkitsch sowie die „Kranzer“, die mehrere Tänze aufgeführt haben.
Das Buch „Kirchweih im Banat: religiöse und weltliche Perspektive“ von Siegfried Thiel (Legart-Verlag Temeswar, 2026) erschien mit der finanziellen Unterstützung des Departements für Interethnische Beziehungen im Generalsekretariat der Regierung
Rumäniens durch das Demokratische Forum der Deutschen im Banat.
(Ausschnitt aus dem Beitrag von Ștefana Ciortea-Neamțiu/BZ)
Höre hier einen ausführlichen Beitrag von Radio Temeswar (Sendung in deutscher Sprache):

Bericht von Radio Temeswar vom 18.5.2026