Dem Alter die Ehre


Sonntag, 5. November 2023. Es ist der Tag, den wir heute schreiben und erleben. Ein ganz normaler Tag. Aber nicht für Anna Dietz. Sie erblickte nämlich genau vor 100 Jahren, am 5. November 1923, in Sanktandres das Licht der Welt. Sie ist eine gebürtige Ramp und wurde als dritte Tochter der Bauersleute Johann Ramp und Margarethe Hoschett geboren. Sie feiert heute ihr 100. Geburtstag! 36.500 Tage und 876.000 Stunden, also ein Jahrhundert.

Heute lebt Frau Dietz in einem neuen Seniorenheim in Sindelfingen im Ortsteil Maichingen, wo sie unlängst eingezogen ist und sich sichtlich wohl fühlt. Bis dahin hat sie in der Sachsen-Straße, unweit von dem Sindelfinger Haus der Donauschwaben gewohnt.

Ich habe Frau Dietz besucht und kann ausdrücklich ihre volle Zufriedenheit nur bestätigen. Dass sie ein Andreser so überraschend besuchte, bereitete ihr eine große Freude. Sie erzählte mir von ihrer Ankunft hier in Deutschland im Jahr 1985. Seither war sie nicht mehr im Banat, wo sie doch in Sanktandres in den Kindergarten, zur Schule und zur Kirche ging. Sie wollte von mir wissen, ob diese für sie noch immer wichtigen Bauwerke auch heutzutage in der Dorfmitte stehen und ob sie auch weiterhin ihren Zweck erfüllen. Ich konnte ihr kurz das heutige Sanktandres beschreiben, was sie befriedigend stimmte. Das Interesse an ihrem Heimatort, wo sie so viel erlebt hat im Laufe der Jahre, ist nicht verloren gegangen, hat sie doch sehr viel in ihrem Sanktandres erlebt.

Die Folgen der Nachkriegszeit hinterließen bei Anna Dietz tiefe Spuren. Auch sie wurde im Januar 1945 zur Zwangsarbeit nach Russland verschleppt. Dieses Erlebnis zehrt immer noch an ihr. Als sie im Jahr 1947 entlassen wurde und in Frankfurt an der Oder, in der ehemaligen Ostzone Deutschlands abgesetzt wurde, wog sie 34 Kilogramm und der große Hunger war allgegenwärtig. Zum Glück war ihre Schwester Katharina bei ihr. Zu zweit ließ es sich in unübersichtlicher Zeit besser gegen diese zerbombte Welt stemmen. Gemeinsam mit der Schwester suchten sie Arbeit. Als sie bei einer Bäuerin um Arbeit bettelten, meinte diese: „Um Gottes Willen! Gute Frau, ich kann sie nicht zum Arbeiten einstellen. Sie sterben mir auf dem Hof oder Acker!“ Daraufhin erwiderte ihre drei Jahre ältere Schwester Katharina: „Glauben sie mir: Die stirbt nicht. Ich kenne meine Schwester.“ Nach einem Jahr zogen beide Schwestern nach Marktl am Inn zu ihrer dritten Schwester Apollonia. Diese war dort mit dem Sanktandreser Heinrich Steimbrunn verheiratet. Auch in Bayern verrichteten sie bäuerliche Tätigkeiten. Der einzige Wunsch von Anna und Katharina war jedoch eine Rückkehr in die Heimat, nach Sanktandres. Es wurde ihnen zu Ohren getragen, über Sachsen bestünde eher die Möglichkeit, ins Banat zurückzukehren. So reisten sie wieder in die Ostzone Deutschlands, arbeiteten dort und warteten auf die Gunst der Stunde, die sich im Jahr 1955 bot. Daheim angekommen, arbeitete Anna Dietz in der „Kollektiv“ (LPG) und verdiente mickriges Geld, was sie gerade am Leben hielt. Im Jahr 1957 heiratete sie. Ihre Ehe ging jedoch kinderlos in die Brüche.

Nach all dem bisher Erzählten wagte ich, eine Zwischenfrage zu stellen: „Was wor in Eirem Lewe die schwerschti Zeit?“ Prompt setzte sie ein: „Mei unglicklichi Eh.“ Ich setzte nach: „Un Eier schenschte Moment im Lewe?“ Mit lächelnden Lippen entgegnete sie: „Wie ich hemm kumm sin un mei Vater umarme hann kenne. Wor des scheen!“  Sie setzte ernüchternd nach: „Mei Mutter hat damols nimmi gelebt.“

Im Jahre 1977 heiratete sie den Witwer Jakob Dietz. Bis zu seinem Tod im Jahr 2003 hat sie mit ihm glücklich zusammen gelebt, beteuert die Greisin. „Wer hätt gedenkt, dass ich 100 Johr alt werr“, schob sie immer wieder in unser Dreiergespräch. Jakob Dietz (jun.), der Sohn von Jakob Dietz war dabei. „De Jakob is e gude Mensch“, versicherte sie. Es muss wohl stimmen, denn auf der Rückseite ihrer Eingangstür hängen etliche Bilder von Jakobs und Lenis (die Schwester von Jakob) Familien, die sie mir stolz zeigte. Dem Heimpersonal erzählt sie immer wieder von der Familie, sagte die Jubilarin. Ich erkundigte mich auch bei ihr, ob sie mit den Mahlzeiten, die ihr hier aufgetischt werden, zufrieden sei. Sie ist mit dem Essen zufrieden, obwohl hier „herrisch“ gekocht wird, meint Frau Dietz ruhig und überlegt.  

Originalaufnahme 1 mit der Jubilarin

Eine Brille braucht die Frau nur zum Lesen. Und wenn die Sonne in ihr kleines aber feines Zimmer scheint, dann setzt sie eben eine Sonnenbrille auf.  

Die Mittagsstunde deutete sich an. Bevor ich mich zum Verabschieden entschied, machte ich noch ein Foto der Frau, die bisher schon ein Jahrhundert auf dieser Erde verbracht hat. Ich musste nun Adje sagen. Als ich ihr zum Abschied die Hand drückte, wollte sie interessiert wissen, wann und in welchem Blatt man von ihrem besonderen Ehrentag lesen kann. Und dann fragte sie etwas nachdenklich: „Werre mich die Andreser noch kenne?“ Ihr behagliches Lächeln verriet ein erfülltes Leben. Zum Schluss erlaubte ich mir dann noch einen Scherz, dem sie sehr humorvoll entgegnete:

Originalaufnahme 2 mit der Jubilarin

Liebe Frau Dietz,
alle Sanktandreser wünschen Ihnen zum 100. Geburtstag alles Gute! Mögen Sie dieses Jubiläum gebührend feiern. Und lassen Sie sich in Ihrem hohen Alter trotzdem von diesem klug hinweisenden Zitat belehren: „Vergangenheit ist Geschichte, Zukunft ist Geheimnis, aber jeder Augenblick ist ein Geschenk.“

Das Wunschkonzert bei Radio Temeswar vom
5.11.2023
(Ausschnitt)


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3 Gedanken zu „Dem Alter die Ehre“

  1. Îi urez și eu doamnei Anna Dietz un sincer ,, LA MULȚI ȘI BINECUVÂNTAȚI ANI! Văzându-i poza mi-am amintit de dumneaei căci după 11 ani de la venirea familiei noastre în Sânandrei a plecat în Germania. Domnul Janzer a realizat um impresionant interviu cu sărbătorita la aniversarea unui secol dela nașterea dânsei. A cinstit-o așa cum se cuvine. Îi suntem recunoscători.

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    • Liebe Frau Neusatz,
      vielen Dank für ihre freundlichen und liebenswerten Zeilen.
      Hier die deutsche Übersetzung:
      “Ich wünsche auch Frau Anna Dietz ALLES GUTE ZUM GEBURTSTAG! Als ich ihr Bild sah, erinnerte ich mich an sie, denn elf Jahre nachdem unsere Familie nach Sanktandres gekommen war, ging sie nach Deutschland. Herr Janzer führte ein eindrucksvolles Interview mit der Jubilarin zu ihrem 100. Geburtstag. Er ehrte sie gebührend. Wir sind ihm dankbar.”

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  2. Und wieder hast du eine schöne Sache zusammengetragen, Herr Janzer.
    Die Lebensgeschichte von Frau Anna Dietz ist sehr herzergreifend.
    Sie hat viele schwierige Lebensphasen durchgemacht und hat ein so hohes Alter erreicht. Heute wohnt sie in meiner Nachbarschaft.
    Ich musste an meine liebe Oma denken die auch zur Zwangsarbeit nach Russland verschleppt war.
    Sie lebt leider nicht mehr. In diesem Jahr wäre sie 104 Jahre alt geworden.

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