In Augenschein nehmen

50 Jahre HOG Sanktandres

Es ist ein besonderer Anlass, den die Sanktandreser in ganz Deutschland in Augenschein nehmen bzw. nicht außer Acht lassen sollten.
Im Rahmen einer Feierstunde der Schwalbach-Griesborner Volksfestwoche erfolgte am 8. September 1973, die unter der Schirmherrschaft des damaligen Saar-Ministers Dr. Rainer Wicklmayr stand, eine offizielle Übergabe der Schwalbacher Patenschaftsurkunde und einer Sanktandreser Dankurkunde. An dem Festakt beteiligten sich der Musikverein „Harmonie“ Schwalbach, die Chorgemeinschaft 1891 Schwalbach, eine Banater Trachtengruppe, die Schwalbacher Blaskapelle und die Sängervereinigung „Einigkeit“ ebenfalls aus Schwalbach. Die Begrüßungsansprache hielt der damalige Schwalbacher Bürgermeister Dr. Nikolaus Fery. Die Festrede hielt Dr. Rainer Wicklmayr.

Die Sanktandreser Teilnehmer beim Festakt im Jahr 1973 in Schwalbach
Minister R. Wicklmayr und Bürgermeister N. Fery
Ansprache M. Weber, Gründer der HOG Sanktandres
Souvenirteller 1973 mit damaligen Schwalbacher Wappen

Jahre davor arbeitete der aus Schwalbach (Saar) stammende Oberregierungsrat Ferdinand Müller mit dem Banater Genealogen und Geschichtsforscher Karl Waldner an einer Geschichtsforschung, die eine Verbundenheit zwischen Schwalbach-Griesborn und der Banater Ortschaft Sanktandres (St. Andreas) aufzeigte.
Im Jahr 1972 entstand in Zusammenarbeit zwischen Müller, Waldner und Weber (ein gebürtiger Sanktandreser, der zur damaligen Zeit das Amt eines Oberstudiendirektors an dem Pfarrkirchner Gymnasium innehatte) der erste Band „Sankt Andreas“ aus der Buchreihe „Quellen zur Banater Siedlungs- und Familienforschung“. Man stellte fest, dass ab dem Jahr 1784 viele Schwalbacher ins Banat auswanderten und in Sanktandres eine neue Heimat fanden. Die Familien Loris, Löw, Schäfer, Steinbrunn, Müller, Rupp usw. wählten damals diesen Weg der Auswanderung nach Sanktandres.
Anfang der 70er erschien in der Lokalpresse sehr viel Informationsmaterial zu dieser geschichtlichen Tatsache (s. “Eine Brücke zur angestammten Heimat”). Aufgrund dieser Berichte fasste der damalige Schwalbacher Gemeinderat den Beschluss, die Patenschaft der Sanktandreser zu übernehmen. In einer Passage des Beschlusses steht folgender Schriftsatz: „Mit diesem Beschluss bekundet die Gemeinde Schwalbach ihre stammesmäßige Verbundenheit mit den Bewohnern der Gemeinde Sankt Andres, ihr Verständnis für das Schicksal dieser Menschen und die Wertschätzung ihrer geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Leistungen.“

Quelle: Heimatbuch Sanktandres

Auf Basis dieser Feierlichkeit in Schwalbach beschloss man, ab nun organisierte Treffen aller in Deutschland lebenden Sanktandreser zu veranstalten. Jedes zweite Jahr finden regelmäßig „Andreser Treffen“ statt. Gastgeber waren bisher die Städte Freiburg, Ingolstadt, Regensburg, Schwabach und seit neuestem (2022) die Stadt an der Jagst: Ellwangen (s. Menüs Heimattreffen).
Organisator der ersten Begegnung, aber auch Vorsitzender der ins Leben gerufenen Heimatortsgemeinschaft war Matthias Weber. Ihm folgten Franz Lay, Heinrich Janzer, Josef Goschy und ab dem Jahr 2019 Johann Janzer.

Seit dem ersten Treffen in Schwalbach 1973 sind nun 50 Jahre verstrichen. Unbegründet, vielleicht durch den frühen Tod von Matthias Weber, vielleicht durch die Abänderung der Schwalbacher Gemeindebezirke in der zweiten Gebietsreform, eventuell auch durch die Interessenlosigkeit an dieser historischen Gemeinsamkeit der jüngeren Generation beider Gemeinden, geriet bedauerlich dieses Ereignis in Vergessenheit. Sicherlich spielte auch eine große Rolle die strikte Blockade einer Annährung der Ortschaft Sanktandres im Banat zu der Schwalbacher Gemeinde, autoritär praktiziert von dem kommunistischen System in der damaligen Zeit (1973 – 1990).

Nun hat der Vorstand der Heimatortsgemeinschaft Sanktandres sich für eine erneute Kontaktaufnahme mit den Schwalbacher Behörden entschlossen. Ich versuchte schriftlich (per Email) wie auch telefonisch die öffentlichen Verwaltungen (Rathaus und Pfarramt) in Schwalbach zu kontaktieren. Die Angelegenheit entpuppte sich im Nachhinein recht schwierig, da die Organisatoren bzw. die führenden Kräfte von dem damaligen Festakt im Jahr 1973 leider heutzutage nicht mehr leben. Herodot ist ein antiker griechischer Geschichtsschreiber, Geograph und Völkerkundler, und der meinte: „Lasset nichts unversucht, denn nichts geschieht von selbst. Alles pflegt durch den Menschen zu geschehen.“ Ich ließ mich von dieser Aussage inspirieren und machte mich gemeinsam mit der Sanktandreserin Juliane Wolf (geborene Pless), fast auf den Tag genau, am 12. September, auf den Weg zur Gemeinde rechts der Saar.

Zunächst fiel uns die Kirche in der Ortsmitte ins Auge. Ein imposantes Bauwerk. Die „Sankt Martin“-Kirche ist eine römisch-katholische Pfarrkirche und ist als Einzeldenkmal in der Denkmalliste des Saarlandes aufgeführt. Gleich nebenan befindet sich ein Friedhof. Wenn man durch die Gräberreihen zieht, sind viele Namen von Verstorbenen zu erkennen, die ebenso auf dem Sanktandreser Friedhof im Banat auf den Grabsteinen eingemeißelt sind. Nicht zu übersehen ist die Grabstätte des ehemaligen Bürgermeisters von 1973, Nikolaus Fery.
Auf dem Friedhof an der „Herz Jesu“-Kirche begegneten wir Menschen, die wir interessiert nach dem Ereignis von 1973 befragten. Allein schon das Gebiet Banat schien den meisten Leuten unbekannt. Aber gute Ratschläge dieser Menschen für ein erfolgreiches Recherchieren waren jedoch allemal gegeben.

St. Martin-Kirche
Herz Jesu-Kirche

Im Gemeindebezirk Elm in der „Maria Himmelsfahrt“-Kirche sollte am Abend noch ein Gottesdienst stattfinden. Dort mussten wir unbedingt noch hin, wollten wir doch mit einem Priester der Pfarrei „Herz Jesu“ von Schwalbach noch ins Gespräch kommen. Für Pfarrer Stoffel, den wir vor dem Gotteshaus begegneten, schien „Sanktandres“ ein Begriff zu sein und er riet uns einen Pfarreibesuch am darauffolgenden Tag.
Im Pfarrhaus erläuterte ich am nächsten Tag der gut zuhörenden Sekretärin unser Anliegen bzw. das Ziel des gesamten Vorstands unserer Heimatortsgemeinschaft. Die Angestellte versicherte uns, all meine geschilderten Tatsachen dem zuständigen Pfarrer Müller zu übermitteln, der leider am 13. September in der Pfarrei nicht anwesend war.


Kurz vor halb elf Uhr standen wir vor dem schönen, neuen Rathaus von Schwalbach, errichtet im Jahr 2005. Unseren Wunsch, ein Gespräch mit dem Bürgermeister zu führen, brachte ich am Empfang des Hauses bei dem sehr netten Empfangspersonal zum Ausdruck. Kurz danach standen wir im Amtsraum des Bürgermeisters Hans-Joachim Neumeyer. Der Bürgermeister wurde von seinem Amtsleiter Markus Weber begleitet. Wir führten ein sehr harmonisches Gespräch, sobald der Bürgermeister sich an das damalige Event von 1973 als 15-jähriger Knabe noch sehr gut erinnern konnte. Für ihn waren die Banater Schwaben ein Begriff, was dazu führte, nach seiner Aussage, sofort einen Dialog mit uns Sanktandreser aufzunehmen. Herr Weber rollte eine Urkunde aus, die auf das damalige Ereignis hindeutete.

Als ich ihm ein Foto von den mehr als 120 Sanktandresern zeigte (s. Foto oben mit Sanktandreser Teilnehmer), das in Schwalbach an jenem Tag entstanden ist, wies er sofort auf das Rathausfenster und zeigte uns den Standort des Entstehens dieses Fotos.

Wir einigten uns, Schritt für Schritt eine nun angestrebte Zusammenarbeit aufzubauen.


Es wurden Perspektiven für eine gute Zusammenarbeit geschaffen. Auch die konkrete Devise der Schwalbacher Behörde (s. Tafel) sagt dieses eindeutig aus.

Am Ende unseres Gesprächs erläuterte uns Herr Weber im Sitzungssaal des Gemeinderats das heutige Gemeindewappen im Detail.

Vor unserem Verlassen des Schwalbacher Rathauses machte Frau Neu (Kulturamtsmitarbeiterin) uns noch ein gemeinsames Foto.

Auf dem Foto von links nach rechts: Markus Weber, Juliane Wolf, Johann Janzer, Bürgermeister Hans-Joachim Neumeyer


In der Schwalbacher Hauptstraße steht ein unauffälliges Gebäude. An der Fassade dieses Hauses ist eine Tafel mit folgender Inschrift angebracht: „Förderverein für Denkmalpflege und Heimatkunde Schwalbach e. V.“ Wir traten in die schlicht gestaltete Stube und trafen zwei Herren, die emsig ein Menü zum bevorstehenden Mittagtisch zubereiteten. Jeden Mittwoch können hier die Bürger der Gemeinde sich mit einem geringen Geldanteil mit einem leckeren Essen beköstigen. An einem ausgedehnten Tisch konnten wir somit mit den zahlreichen eingefundenen Schwalbachern einen intensiven Dialog führen. Sie wunderten sich von unserer erzählten Geschichte. Sie staunten über unsere Gemeinsamkeiten. Wir nutzten auch die Gelegenheit, Herrn Kreutzer (Vereinsmitglied) zu befragen, der sofort im Archiv stöberte und uns Unterlagen von Bindungen zwischen den Schwalbachern und Sanktandresern vorführte (s. u. a. oben: „Eine Brücke zur angestammten Heimat“ vom 12.1.1972).



Noch am selben Tag verließen wir das saarländische Schwalbach. Die absonderlichsten Gedanken wirrten in meinem Kopf.  
Daheim angekommen, erreichte mich ein Schreiben vom Bürgermeisteramt: … „Danke für den spontanen Besuch und den netten Austausch.“ Ich bedankte mich nochmals bei der Gemeindeführung für das erbrachte Entgegenkommen. Herr Weber im Auftrag des Bürgermeisters: … „Ich darf Ihnen versichern, dass auch meinerseits der Austausch sowie Ihre Persönlichkeiten als angenehm und erfolgversprechend wahrgenommen wurden.“ … „Beste Grüße, alles Gute und in der Hoffnung auf eine Intensivierung des Kontaktes verbleibe ich mit freundlichem Gruß, Markus Weber.“

Eine Geschichte, eine Sanktandreser Geschichte, wurde nach 50 Jahren eingeholt. Die Sanktandreser Heimatortsgemeinschaft scheint einem weiteren begrüßenswerten Ziel näher gekommen zu sein.







Ein Gedanke zu „In Augenschein nehmen“

  1. Lieber Hans, danke für den ausführlichen Bericht. Ich finde es großartig, was Du und natürlich mit tatkräftiger Unterstützung von Juli alles anpackt.
    Viel Erfolg und alles Gute Euch. Liebe Grüße Rosi

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