Mitten in der Nacht hieß es Abschied nehmen von Rio de Janeiro. Bereits um 2 Uhr morgens machten wir uns auf den Weg zum Flughafen. Hinter uns lagen erlebnisreiche Tage zwischen Copacabana, Samba, Zuckerhut und Christusstatue. Doch nun wartete der eigentliche Grund unserer Reise auf uns: Entre Rios, die Heimat der Donauschwaben in Brasilien, die in diesem Jahr ihr 75-jähriges Bestehen feierten.
Unser Flug brachte uns nach Curitiba, wo bereits ein Bus auf uns wartete. Von dort ging es noch einmal rund fünf Stunden über Land, bis wir endlich unser Ziel erreichten. Gegen 15 Uhr kamen wir in Entre Rios an – müde von der kurzen Nacht und der langen Anreise, aber voller Vorfreude auf das, was uns hier erwartete.
Viel Zeit zum Ausruhen blieb uns allerdings nicht. Schnell bezogen wir unsere Quartiere, dann ging es direkt weiter zum Kulturzentrum der Donauschwaben im ersten Dorf.






Ein Stück Heimat am anderen Ende der Welt
Entre Rios besteht aus fünf Dörfern, die vor 75 Jahren von Donauschwaben gegründet wurden. Hier haben Menschen, die ihre europäische Heimat verloren hatten, in Brasilien eine neue Heimat aufgebaut und ihre Sprache, ihre Traditionen und ihr kulturelles Erbe über Generationen bewahrt.
Dort wurden wir herzlich von Viviane, der Leiterin der Kulturstiftung, und Robert, dem Leiter des Heimatmuseums, empfangen.
Und dann erlebten wir, was eine gemeinsame Sprache und vor allem ein vertrauter Dialekt bewirken können: Schon nach den ersten Worten fühlten wir uns miteinander verbunden. Obwohl uns Tausende Kilometer von Deutschland trennten, war da plötzlich dieses vertraute Gefühl von Heimat. Man verstand sich nicht nur sprachlich, sondern auch im Denken, im Humor und in vielen kleinen Redewendungen, die uns von zu Hause bekannt waren.
Wir fühlten uns auf Anhieb „wie dehem!“ Es war, als würde man alte Bekannte treffen, obwohl man sich gerade erst kennengelernt hatte. Die gemeinsame „schwowische“ Sprache baute Brücken zwischen Menschen und Generationen und ließ die Entfernung zwischen Europa und Brasilien ganz klein erscheinen.
Da wurde uns bewusst: Heimat ist nicht immer nur ein Ort. Manchmal ist es auch eine Sprache, ein Dialekt – und das wunderbare Gefühl, verstanden zu werden.

Auf den Spuren donauschwäbischer Geschichte
Robi führte uns durch das beeindruckende, moderne Museum, das die bewegte Geschichte der Donauschwaben auf anschauliche Weise erzählt.
Unsere Reise durch die Vergangenheit begann lange vor der Gründung von Entre Rios: bei den Auswanderungsbewegungen zur Zeit Maria Theresias, als Menschen aus deutschen Ländern in die Habsburgermonarchie zogen, um dort neue Siedlungsgebiete aufzubauen. Auch Prinz Eugen, dessen Name vielen von uns aus dem Geschichtsunterricht bekannt war, sowie die Ulmer Schachtel, gehören zu diesem historischen Zusammenhang.
Weiter führte uns der Weg in die Siedlungsgebiete entlang der Donau, ins Banat und in die Batschka. Dort entwickelten sich über Generationen eigenständige Gemeinschaften mit ihrer Sprache, ihren Bräuchen und ihrer Kultur. Es entstand eine vielfältige donauschwäbische Lebenswelt, die bis heute nachwirkt.
Doch diese Geschichte kennt nicht nur Aufbruch und Aufbau. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Donauschwaben aus ihrer Heimat vertrieben oder mussten unter schwierigsten Bedingungen einen Neuanfang wagen. Für zahlreiche Familien bedeutete dies den Verlust ihrer Häuser, ihrer vertrauten Umgebung und eines großen Teils ihrer bisherigen Lebensgrundlage.
Für rund 500 Familien eröffnete sich nach 5-7 Jahren in in Österreichischen Flüchtlingslagern schließlich in Brasilien eine neue Perspektive. Mit Unterstützung eines Schweizer Hilfsvereins wagten sie den Schritt über den Atlantik und bauten in Entre Rios eine neue Heimat auf. Was für ein mutiger Neuanfang – nach allem, was diese Menschen erlebt und verloren hatten!
Beim Rundgang durch das Museum wurde deutlich, wie viel Arbeit, Zusammenhalt und Durchhaltevermögen nötig waren, um aus einem Neuanfang eine lebendige Gemeinschaft zu schaffen. Und wie wichtig es ist, die Erinnerung an die eigene Herkunft und Geschichte wachzuhalte















Der Auftakt zum Gerstenfest im Jubiläumsjahr
Am Abend begann schließlich das Fest mit einem ökumenischen Gottesdienst. Nach der langen Anreise und den vielen geschichtlichen Eindrücken war dies ein feierlicher Moment, um innezuhalten und sich bewusst zu machen, was die Menschen hier in drei Vierteljahrhunderten geschaffen haben.
Nun waren wir mitten in einer Gemeinschaft angekommen, deren Geschichte eng mit unserer banatschwäbischen Vergangenheit verbunden ist.



Ein herzliches Wiedersehen und schwäbische Gemütlichkeit in Brasilien
Nach dem ökumenischen Gottesdienst wartete noch eine ganz besondere Begegnung auf uns: das Wiedersehen mit Elke und Wienfried. Die beiden hatten uns im vergangenen Jahr bei unserem Treffen im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen von ihrer Heimat Entre Rios erzählt und uns die Reise nach Brasilien so richtig schmackhaft gemacht. Nun waren wir tatsächlich hier – und die Wiedersehensfreude war entsprechend groß!
Es gab natürlich jede Menge zu erzählen. Die Zeit verging wie im Flug, sodass es schließlich ziemlich spät wurde, bis wir uns auf den Weg zum Abendessen machten.
Unser Ziel war das „Donaubier“, wo uns Wirt Harry bereits erwartete. Bei einem deftigen donauschwäbischen Essen – ja, richtig gelesen: schwowische Küche mitten in Brasilien! – ließen wir den langen und ereignisreichen Tag gemütlich ausklingen.
Harry ließ es sich nicht nehmen, uns persönlich die Geschichte seiner Brauerei und Wirtschaft zu erzählen. So erfuhren wir bei gutem Essen und angeregten Gesprächen mehr über diesen besonderen Ort, an dem donauschwäbische Traditionen und brasilianisches Leben aufeinandertreffen.
Nach den vielen Eindrücken des Tages fühlte sich dieser Abend fast wie ein Besuch bei alten Freunden an. Und wieder einmal zeigte sich, wie schnell aus einer Reise eine Herzensangelegenheit werden kann, wenn man Menschen trifft, die ihre Heimat mit so viel Begeisterung und Gastfreundschaft teilen.




