Gedenkveranstaltung in München


80. Jahrestag der Vertreibung der Ungarndeutschen

Die Vertreibung der Ungarndeutschen fand zwischen dem 19. Januar 1946 und Juni 1948 statt und betraf über 200.000 Menschen, die aus Ungarn in die deutsche Besatzungszone umgesiedelt wurden.
Insgesamt kamen etwa 170.000 Ungarndeutsche in die amerikanisch besetzte Zone Deutschlands, weitere 50.000 Ungarndeutsche in die sowjetische Besatzungszone. Etwa die gleiche Anzahl der Ungarndeutschen verblieb in Ungarn, da die Aufnahmekapazitäten in den vier deutschen Besatzungszonen erschöpft waren.
(Quelle: Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn, Titelbild: Layout Design der Gedenkveranstaltung 2026).

Wer sind die Ungarndeutsche?

Der Begriff Ungarndeutsche ist ein Sammelbegriff für die deutschstämmigen bzw. deutschsprachigen Bewohner Ungarns. Heute wird er vorwiegend von Menschen in Anspruch genommen, die sich zu den Donauschwaben in den bestehenden oder historischen Grenzen Ungarns zählen.
Die größte Einwanderungswelle ins ungarische Tiefland erfolgte nach dem Ende der Türkenherrschaft. Zwischen 1700 und 1750 kamen deutsche Siedler aus Süddeutschland, Österreich und Sachsen in die zum Teil menschenleeren Gebiete Pannoniens, des Banats und der Batschka.
Ende des 18. Jahrhunderts lebten im damaligen Ungarn mehr als eine Million Deutsche, die vor allem in der Landwirtschaft tätig waren. Auch die Banater Schwaben bauten bis nach dem Ersten Weltkrieg in diesem Vielvölkerstaat ihre Existenz auf. Deshalb können wir Banater Schwaben uns sehr gut mit den Ungarndeutschen identifizieren, da wir bis zum Kriegsende irgendwie eine gemeinsame Geschichte schreiben.
(Quelle: Wikipedia)

“Ungarn und Europa in Vergangenheit und Gegenwart”

Die Teilnehmenden im Parlament
(Foto: Gregor Gallei)

Im Mai 2024 organisierte das HDO München eine Studienreise nach Ungarn mit dem Ziel, den Spuren der Ungarndeutschen bzw. den Donauschwaben zu folgen. Zusätzlich zu den Lehrkräften konnten auch weitere Personen aus dem Besucherkreis des HDO teilnehmen. Glücklicherweise konnte auch ich dieser Exkursion beiwohnen. Dadurch wurde mein Wissen über die Geschichte der Ungarndeutschen erweitert, wofür ich sehr dankbar bin.

Nun möchte ich mich auf diesem Wege bei der HDO-Leitung für die Einladung zu einer ganz besonderen Gedenkveranstaltung der Ungarndeutschen herzlich bedanken.

Gedenkveranstaltung anlässlich des 80. Jahrestages der Vertreibung der Ungarndeutschen

in der Allerheiligen Hofkirche, Residenzstraße 1, München,

in Anwesenheit des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier
und des Staatspräsidenten von Ungarn, Dr. Tamás Sulyok

Die Veranstalter der Gedenkfeier

Dr. Péter Györkös, Botschafter von Ungarn, Gabor Tordai-Lejko, Generalkonsul in Bayern und Prof. Dr. Andreas Otto Weber, Direktor des Hauses des HDO
Am Eingang: HU-D-EU

Kurz vor 15:30 Uhr am 19. Januar 2026 befand ich mich in der Residenzstraße 1 in München und fieberte diesem besonderen Gedenktag entgegen. Zunächst traf der Bundespräsident ein. Kurz darauf kreiste eine Eskorte mit dem ungarischen Staatspräsidenten in den Innenhof der Residenz. Die Begegnung beider Präsidenten zeichnete sich sehr freundschaftlich ab. Anschließend stellten sich die zwei Staatsoberhäupter den Fotografen.
Um 17 Uhr war eine Gedenkveranstaltung in der Allerheiligen-Hofkirche angekündigt.
(Fotos: Johann Janzer)

Der Empfang
Die Präsidenten vor den Kameras
Die Allerheiligen-Hofkirche Residenz

Die eingeladenen Gäste trafen nach und nach in der Hofkirche ein. Sie nutzten die Gelegenheit, sich ausgiebig im Vorfeld der Feier auszutauschen.
An der linken Kirchenwand zeigte das Haus des Deutschen Ostens Ausschnitte von einer sehr erfolgreichen Ausstellung “Ungehört. Die Geschichte der Frauen. Flucht, Vertreibung und Integration”. Die Ausstellungstafeln hätten nicht passender zu dem heutigen Ereignis sein können. (Fotos: Johann Janzer)

Gespräche vor der Veranstaltung
Einige Ausstellungsstücke
Lichteffekt in der Allerheiligen-Hofkirche

Gäste, Grußworte, Festreden, Zeitzeugengespräch und Musikeinlagen

Beim Eintreffen der Präsidenten mit ihrer Begleitung erhoben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gedenkfeier von ihren Plätzen. In der Hofkirche waren Ulrike Scharf (Bayerische Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales, stellvertretende Ministerpräsidentin von Bayern); Dr. Péter Györkös (Botschafter von Ungarn in der Bundesrepublik Deutschland); Gabor Tordai-Lejko (Generalkonsul in Bayern); Olivia Schubert (Präsidentin der Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten und Vizevorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen) sowie Prof. Dr. Andreas Otto Weber (Direktor des Hauses des HDO) zugegen, der auch die Moderation der Veranstaltung inne hatte. Ebenfalls anwesend waren Dr. Petra Loibl (Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene); Bernd Fabritius (Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten); Stephan Mayer (Präsident des Bundes der Vertriebenen); Georg Hodolitsch (Landesvorsitzender der Landsmannschaft der Ungarndeutschen); Hartmut Liebscher (Landesvorsitzender BdV von Baden-Württemberg); Jürgen Harich (Präsident des Dachverbandes der Donauschwaben und Vorsitzender des Verbandes der Donauschwaben in Deutschland) und selbstverständlich Peter-Dietmar Leber (Bundesvorsitzender der Banater Landsmannschaft), mit Gattin Hiltrud Leber (Präsidentin des BdV-Frauenverbandes). Auch weitere Vertreter aus den Verbänden der Banater Landsmannschaft saßen in den Reihen der eingeladenen Gästen: Georg Ledig (Stellv. Bundesvorsitzender der Banater Landsmannschaft und Kreisvorsitzender des Kreisverbandes Waldkraiburg); Harald Schlapansky (Vorsitzender der Banater Landsmannschaft in Bayern), Bernhard Fackelmann (Vorsitzender des Banater Kulturwerks der Banater Schwaben in München), Dr. Hella Gerber (Stadträtin in Augsburg und Kreisvorsitzende der Banater Schwaben in Augsburg); Dr. Michael Nusser (Kulturreferent und Leitung Banater Kulturwerk); Ramona Sobotta (Stellv. Landesvorsitzende der Banater Landsmannschaft in Bayern) und Johann Janzer (Vorsitzender der HOG Sanktandres sowie Vorstandsmitglied im Förderverein des HDO München). Christa Wandschneider (Siebenbürgerin) und Renate Beck-Hartmann (Sudetendeutsche), ebenfalls im Vorstand des Fördervereins, nahmen an dem Festakt teil. Besonderes Lob für die Gestaltung der Feier gilt der Leitung des HDO: Prof. Dr. Andreas Otto Weber, Thomas Vollkommer, Dr. Lilia Antipow und Patricia Erkenberg.

Grußworte

Die Bayerische Staatsministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin Ulrike Scharf begrüßte die zahlreichen Gäste. Sie wies auf die Bedeutung dieser Vertreibung der Ungarndeutschen hin, schilderte kurz das zugefügte grausame Leid dieser Menschen und vergaß nicht das Erbauen von Brücken der Menschen in einem vereinten Europa. Dass dieses Ereignis in der Bayerischen Landeshauptstadt, in der Münchner Residenz, stattfindet, darüber freute sie sich besonders.

Der seit November 2015 außerordentliche und bevollmächtigte Botschafter von Ungarn in Deutschland, Dr. Péter Györkös, begrüßte in einem fließenden Deutsch die Anwesenden und fügte in seiner Rede private und familiäre Gegebenheiten mit ein.
Eine völlige Einbindung Ungarns in die europäische Gemeinsamkeit scheint ihm sehr wichtig zu sein. Dank Deutschlands können mehrere Einrichtungen im Bildungsbereich, aber auch kulturell, erfolgreich agieren.

Festreden


“Verzeihen, Versöhnung und ein neues Aufeinanderzugehen”

Es ist ein Slogan des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und er meinte dazu: “Es gibt in der Geschichte – zum Glück – immer wieder auch gute Ausgänge, mit denen an einem bestimmten Zeitpunkt zuvor und in langen folgenden Jahren niemand hat rechnen können. Sie machen uns Hoffnung…” “Ein solches Zeichen der Hoffnung ist die Entwicklung, die den heutigen Tag möglich gemacht hat. Niemand hätte wohl am 19. Januar 1946, und auch nicht in den Monaten zuvor und danach, damit gerechnet, dass sich Ungarn und Deutsche an einem 19. Januar treffen – in friedlicher und versöhnlicher Absicht und Gestimmtheit.” “Er fuhr fort: “Ich bin dankbar dafür, dass wir heute gemeinsam des Vergangenen gedenken – des vergangenen Unrechts, ja der Grausamkeiten und des Leids. Um der historischen Wahrheit willen darf es nicht vergessen werden. Wichtig ist mir aber auch, dass wir uns an diesem Tag bewusst sind, dass Verzeihen, Versöhnung und ein neues Aufeinanderzugehen die Wege zu einem neuen Miteinander in Deutschland und in Ungarn eröffnet haben.”
Er mahnte aber auch: “Nur wenn wir geeint handeln, wird es auch ein starkes Europa sein, das sich behaupten kann in einer Welt, in der Regellosigkeit zur Regel zu werden scheint.”

Entschuldigung für das zugefügte Leid

Der ungarische Staatspräsident Dr. Tamás Sulyok begann seine Festrede in deutscher Sprache. Seine Ansprache war eine bedeutende Geste der Versöhnung und Erinnerung an die schmerzlichen Ereignisse nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Präsident betonte die Wichtigkeit eines Gedenkens, um Hass zu erkennen und auch gleichzeitig zu bekämpfen. Er entschuldigte sich höchstpersönlich für die damalige Vertreibung der Ungarndeutschen aus seinem Land.
Die Einführung eines Gedenktages der Vertreibung seit 2012 ist ihm sehr wichtig. Die kulturelle Entwicklung und Standhaftigkeit der Ungarndeutschen im heutigen Ungarn ist vorbildlich.
Dass er an der Gedenkveranstaltung hier sein kann, erfreue ihn sehr, erwähnte der Staatspräsident. Zum Schluss seiner Rede kam er wieder von seiner Muttersprache ab, schweifte ins Deutsche über und bedankte sich für diesen erlebnisreichen Abend am 19. Januar 2026, 80 Jahre nach der Vertreibung dieser Volksgruppe.

Olivia Schubert

Die Präsidentin der Föderalistischen Union Europäischer Länder, Olivia Schubert, sprach aus eigener Lebenserfahrung heraus. Sie sprach von einem “wir hier, die da drüben” und meinte damit das gute Miteinander in der heutigen Zeit zwischen Ost und West in Europa.

Musikintermezzi

Die Schauspielerin Szandra Holczinger (Gesang) und Mariann Molnar (Akkordeon) erinnerten mit den vorgetragenen Volksliedern an die kulturellen und traditionellen Lieder, die die Ungarndeutschen stets gesungen haben. Es erklangen die Lieder “Morgen will mein Schatz verreisen”, “Heimat oh Heimat”, “Adije main Schotz”, “Wenn man die Welt umgeht” und “Nach meiner Heimat”. Es sind Lieder, die auch den Banater Schwaben gut bekannt sein dürften.
Die musikalischen Einlagen wurden mit viel Applaus belohnt. (Video: Johann Janzer)

Das Zeitzeugengespräch

Das Gespräch führte Dr. Sybille Krafft mit der 1934 geborenen Anna Hahn.
Die heute 92-Jährige, eine Frau, die die Vertreibung am eigenen Leib verspürte, erzählte von der damaligen Zeit der Vertreibung.
Sie sprach in dem Dorf, wo sie geboren wurde, in Pusztavám, bis zur dritten Klasse nur Deutsch. Dann kam die Madjarisierung –  eine einsetzende nationalistische Politik des Königreichs Ungarn. Die Zielsetzung war die legislativ geförderte Assimilation der nichtmagyarischen Bevölkerung. Im Jahr 1946 war sie getrennt von ihren Eltern auf der Flucht. Als junges, friedliches Mädchen hat sie sich schnell in Bayern akklimatisiert.
Im Jahr 1975 war sie zum ersten Mal wieder in der alten Heimat. Dort traf sie viele bekannte Gesichter. Später ist sie mit Kindern und Enkeln nochmals nach Pusztavámn gefahren. Sie hätte ihr Haus kaufen können. Aber sie wollte von der ehemaligen Heimat unbedingt wieder “ham fahrn” nach Geretsried – nach Bayern. (Foto: Johann Janzer)

Zum Abschluss wurden die ungarische und die deutsche Nationalymne unter Begleitung von Akkordeonklängen – gespielt von Miriann Molnar – gesungen.

Die beiden Präsidenten nahmen sich genug Zeit und ließen sich von Prof. Dr. Weber die Ausstellung “Ungehört”. erläutern.
(Foto: J. Janzer)

Der Empfang

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender luden im Anschluss zu einem Empfang.
Dort hatten die Gäste die Gelegenheit, mit den Präsidenten ins Gespräch zu kommen. Diese Chance nutzten auch die anwesenden Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen.

Mit dem ungarischen Präsidenten im Gespräch

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