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Kerweihtradition in Sanktandres in den Jahren 1948 bis 1985
Von Johann Stemper sen.
Der Schutzpatron der Saktandreser Kirchengemeinde ist der hl. Andreas. Somit hätte das Kerweihfest am 30. November, am Andreastag, stattfinden müssen. Da jedoch am letzten Samstag im November bereits Advent ist, wurde die Kerweih immer am vorletzten Sonntag im November abgehalten. Mit dem Kathreinerball, der am 25. November stattfand, waren die Unterhaltungen dann abgeschlossen. Es hieß “Kathrein, sperr die Geige ein”. Am Patroziniumsfest, den 30. November, sagte man, dass dann dem Pfarrer seine Kerweih war.
Ab dem Jahr 1977 wurde unser Kerweihfest auf den ersten Sonntag im Monat September vorverlegt. Das geschah wegen der Schuljugend, die sich an der Kerweih beteiligte und noch in den Ferien war.
Die Kerweih war das größte und bedeutendste Fest der Banater Ortschaften mit deutscher Bevölkerung. Aus den Städten kamen Kaufleute und Händler, die Stände aufstellten und verschiedene Naschereien, Spielwaren und Kleinigkeiten anboten. Auch ein Karussell (Bei uns Englischschreiderei genannt) wurde errichtet, dann gab es Stände mit Vergnügungen für Groß und Klein.
Früher waren die Bewohner unseres Ortes fast ausschließlich in der Landwirtschaft und im Gewerbe beschäftigt. Da im November die landwirtschaftlichen Arbeiten schon abgeschlossen waren, konnten sich die Jugendlichen mit voller Hingabe an der Kerweih beteiligen. In der Regel waren diese zwischen 16 und 19 Jahre alt. Ihre Mädels zumeist zwei Jahre jünger. Das Vortänzerpaar sollte beim ältesten Jahrgang der Jugend, der sich an der Kerweih beteiligte, sich großen Ansehens erfreuen und mit der Dorfjugend eng verbunden sein.
Der erste Vortänzer war zumeist der Hauptorganisator der Trachtengruppe. Für seine Arbeit wurde er von den Buben vergütet. Im Jahre 1956 erhielt der damalige Kerweihvater Michael Reiter ungefähr einen Monatslohn in bar, ein Paar Gumistiefel, einen Hut und eine Brustschürze, das er alles über die Kerweihtage trug. Er nahm die Versteigerungen vor, stellte den Kerweihbaum auf und ein großes Fass daneben. Mit Hilfe einer Grabschaufel grub er die Kerweihflache aus und zum Schluss wieder ein. Er begleitete die Trachtengruppe auf allen Wegen durch das Dorf., zum Fass und in den m Tanzsaal und nicht zuletzt war er Kellner, der für den nötigen wein sorgte, die Gläser am Fass und im Saal für die Gäste und beim Männertanz an- und nachfüllte. es war üblich, dass jeder, der eine Spende für die Gesellschaft gab, ein Glas vom Kerweihwein bekam.
Die Vorbereitung des Kerweihfestes
Ungefähr vier bis fünf Wochen vor dem Fest wurde in einer Pause im Tanzsaal ausgerufen und alle Buben, die in Tracht an der Kerweih mithalten wollten, zu einer Besprechung in einen Nebenraum gebeten. In einigen Minuten waren fast alle Jugendliche zusammengekommen und es wurde der Abend festgelegt, an dem die Versteigerung für den Vortänzer und zwei Nachtänzer stattfinden sollte. Es wurde auch besprochen, wer zum Kerweihvater angestellt werde und es wurden einige Personen bestimmt, die mit ihm seinen Lohn aushandelten und ihm zur erwähnten Versteigerung eingeladen haben.
Nach dieser kurzen Besprechung eilten alle Buben in den Tanzsaal, um möglichst rasch ein Mädchen zu finden, das bereit war, mit ihm mitzuhalten. Man pflegte auch zu dessen Eltern zu gehen und um die Zustimmung zu bitten, mit ihrer Tochter die Kerweih feiern zu dürfen.
In dieser Zeit verbreitete sich im Dorf, wie viele Kerweihpaare im betreffenden Jahr es sein werden und wer mit wem “ums Fass geht”. Die Mädchen wurden “Kerweihmensch” genannt.
Nach der Versteigerung des Vorstraußes wurde ein Vertrauter aus der Gesellschaft zum Kassierer ausgewählt und der Betrag bestimmt, den jeder Junge in die Gemeinschaftskasse zu entrichten hatte. Der Vortänzer und die zwei Nachtänzer mussten die summe, um die sie den Vorstrauß gesteigert hatten, sofort in die Kasse niederlegen,
Unter anderem wurde auch beschlossen, wer sich zur Verhandlung mit dem Kapellmeister der Musikformation begibt. Mit ihm wurde der Preis für die Marschmusik ausgehandelt, während die Tanzmusik von der Eintrittstaxe in den Tanzsaal bestritten wurde. Auch über die Proben beim Aufmarsch im Saal wurde mit dem Kapellmeister verhandelt. Dort besprachen sich auch die Mädchen, an der Spitze die Vortänzerin, über die Farben der Röcke und die Beschaffung der Bänder für den Hutschmuck und die Rosmarinsträuße.
Der Vortänzer und die Nachtänzer hatten je vier Bänder an ihren Hüten, während die anderen “Kerweihbuben” nur je zwei hatten. Die Farben der Bänder beim Vortänzer waren zumeist dunkelrot und dunkelblau, die des ersten Nachtänzers rot und blau und die des zweiten Nachtänzers waren hellrot und hellblau. Die Hüte der anderen Jungen waren mit je zwei hellblauen Bänder geschmückt.
Die Jungen übergaben ihre Hüte dem Mädchen, die sie zu Hause mit einem Strauß und den vorhin erwähnten Bändern schmückten, Zumeist freitags vor der Kerweih brachte ein Kind aus der Verwandtschaft des Mädchens den zart geschmückten Hut zu ihrem Bub ach Hause, Dafür erhielt das Kind von dem Jungen ein Kerweihgeld,
Wie verlief die Kerweih in Andres?
Samstags um 13 Uhr versammelten sich die “Fassbuben” mit ihren Flaschen, die mit Kerweihwein gefüllt waren, dann die Musikanten und der Kerweihvater beim Vortänzer. Die Musikanten spielten im Hof einige Stücker, während die Buben mit Salzkipfel, Wein und Schnaps bewirtet wurden, Bei guter Stimmung und Marschmusik ging es zum Ausgraben der Kerweihflasche in der Dorfmitte. Der Kerweihvater ging mit dem Spaten auf dem Rücken dem Zuge voran und die Leute wurden durch die Musik auf die Gase gelockt, wähend die Kinder dem Zuge nachliefen,
Beim Ausgraben der Kerweihflasche ging es immer lustig zu. Als sie endlich gefunden wurde, durfte ein Jeder Anwesende einen Schluck vom vorjährigen Kerweihwein verkosten. Anschließend wurden der Kerweihbaum und das Fass aufgestellt. Als es dann soweit war, stellten sich die Jungen im Kreis um den Kerweihbaum auf und die Musik spielte das Traditionelle “Kerwei-Stick”. Die Jungen hielten sich umschlungen und sind im Kreise tanzend um den Baum gesprungen, Ab dann rief immer wieder einer von den Jungen “Buwe, was han nr heit?” Alle riefen dann mit lauter Stimme; “Kerweih!”
Von dort ging es mit Marschmusik durch das Dorf zum Einladen der Ehrengäste, am Fest teilzunehmen. Man suchte zumeist Leute auf, die bereit waren, etwas in die Gemeinschaftskasse für die Kerweih zu spenden. Mit diesen Geldern wurden hauptsächlich die Musikanten entlohnt.
Um etwa 19 Uhr ging es in den Tanzsaal, wo die Buben vin ihren Mädchen zur Hauptprobe des Aufmarsches erwartet wurden, Nach der Probe durften die Buben öffentlich ihre Mädchen nach Hause begleiten.
Am Kerweihsonntag gingen die Fassbuben einzeln zu ihren Verwandten, um ihnen ein schönes Kerweihfest zu wünschen. Sie erhielten von einem jeden Verwandten dann ein Kerweihgeld.
Um 9 Uhr war der Treffpunkt der Burschen und der Musikanten beim Vortänzer. von dort führte sie der Weg zur Vortänzerin, bei der die Mädchen auf ihre Buben warteten. Ein jeder Junge erhielt von seinem Mädchen einen Rosmarinzweig mit kleinen Bändern, der an der linken Seite seines Sakkos befestigt wurde. einen solchen Zweig hatten auch die Mädchen auf ihrem Halstuch (Schaleetichl) befestigt und einen in der Hand. Dann kam die Vortänzerin mit dem bunt und zart geschmückten Vorstrauß aus dem Haus und alle begrüßten und bewunderten sie. Die Musik spielte einige Stücke und schon ging es zum Gottesdienst in die Kirche. Die Weinflaschen der Buben wurden vom Kerweihvater am Fass übernommen, der sie in eine Reihe aufstellte. In der Kirche befanden sich die Paare im Mittelweg zwischen den Bänken. Beim verlassen der Kirche ging zuerst das Vortänzerpaar durch die Spalier stehenden Jungen und Mädchen dem Ausgang zu. Als sie sich an der Kirchtüre befanden, setzte die Marschmusik ein und die Kolonne ging am Fass vorbei, wo die Jungenihre Weinflaschen übernahmen, dann ging es zin den Pfarrhof, wo sie vom Seelsorger empfangen wurden. Die Vortänzerin begrüßte den Pfarrer für die Ehre bedankte und dem Fest im Namen der Kerweihpaare kurz, der sich für die Ehre bedankte und dem Fest ein gutes Gelingen wünschte. Anschließend wurden die Gäste mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Dann löste sich die Gesellschaft auf und alle gingen nach Hause zum Mittagessen und um sich umzuziehen.
Um 13 Uhr trafen sich die Jungs und die Musikanten wieder beim Vortänzer und die Mädchen um 13:30 Uhr bei der Vortänzerin. Die in einer Kolonne aufgestellten Buben marschierten zur Vortänzerin und dort ging es zum Fass.
Mit dem Vorstrauß in der Hand bestieg der Vortänzer das Fass und begrüßte alle Anwesenden mit einem Spruch in schwäbischer Mundart. Anschließend sagten des öfteren auch die Nachtänzer je einen Spruch auf. Nun übernahm der Kerweihvater seine Mission und versteigerte die Lose der Buben um Hut und Kopftuch. Die Gewinner, zumeist ein Ehepaar, wurden dann mit Marschmusik heimgespielt. Die bedankten sich mit einer Spende und bewirteten die ganze Gesellschaft mit Kuchen und Wein. Von dort marschierte der Kerweihzug in den Tanzsaal, wo vor vollem Haus der Aufmarsch vorgeführt wurde. Nach dem Ehrentanz des Vortänzers, dann dem der Nachtänzer tanzten alle Paare einige Stücke., bis der Tanz für alle angekündigt wurde. Ungefähr um 18 Uhr ging alles nach Hause zum Nachtmahl und um sich wieder umzuziehen.
Um 20 Uhr trafen sich alle Trachtenpaare wieder im Vorraum des Tanzsaales. Als der Saal voller Gäste war, stellten sich die Paare auf und der Aufmarsch wurde noch einmal vorgeführt. Nach ungefähr einer Stunde folgte der Männertanz, an dem sich nur verheiratete Männer und Frauen oder mit Mädchen beteiligten durften. Sie wurden mit Wein bewirtet und durften in die Gemeinschaftskasse spenden. Ungefähr um Mitternacht wurde der Vortänzertanz angesagt. Es begann das Vortänzerpaar und darauf griff alles zu, um mit der Vortänzerin zu tanzen. Nach dem Tanz spendete ein jeder einen Beitrag in die Kerweihkasse. Das zog sich manchmal bis zu einer Stunde und noch länger hin. Man kann sich vorstellen, was das für eine Anstrengung für die Vortänzerin war, mit dem schweren Vorstrauß in der Hand so lange tanzen zu müssen.
In der Pause, die nun folgte, gingen die Trachtenpaare zum Essen zu den jeweiligen Mädchen. Gewöhnlich schlossen sich drei Mädchen zusammen und gingen in den drei Nächten am Sonntag, Montag und Dienstag zu je einer zum essen. Das waren meist die schönsten Stunden für die Beteiligten an diesem großen Fest. Viele wurden danach ein Paar für das spätere Leben.
Es muss noch erwähnt werden, dass es in Sanktandres ein ungeschriebenes Gesetz gab, dass während der Kerweihfeier kein Mädel (Kerweihmensch) mit einem anderen Jungen Liebschaft haben durfte. Das hat man als eine Ehrenbeleidigung angesehen und das Mädchen wurde sofort aus der Gesellschaft ausgeschlossen und heimgeschickt. der Junge blieb in der Gesellschaft und ging mit einem befreundeten Paar mit bis zum Ende des Festes. Nach mündlichen Überlieferungen soll das früher bei uns im Dorf einige Male vorgekommen sein.
Montags, am zweiten Kerweihtag, trafen sich die Jungen beim Nachtänzer und die Mädchen bei seiner Partnerin. Die Buben kamen mit Marschmusik, sie abzuholen und gingen von dort gemeinsam, um die Vortänzerin mitzunehmen. Der Vortänzer ging auf diesem weg zum Nachtänzerpaar. Von der Vortänzerin ging es unmittelbar in den Tanzsaal.Das Weitere vrlief wie am Sonntag.
Dienstags war dann das zweite Nachtänzerpaar an der Reihe, um abgeholt zu werden. Dann waren schon alle recht mde und es wurde allmählich etwas stiller in den Reihen der Kerweihpaare. Einige Musikanten hatten schon aufgeschwollene Lippen und so manche Jungs waren heiser und konnten kaum noch sprechen. Den Kuchen und Wein wollten kaum noch jemand sehen. Dann ging es wieder zur Vortänzerin, wo dann Gruppenfotos geschossen wurden. Dann traf man sich wieder im Tanzsaal, wo alles vom Vortag wiederholt wurde.
Als es am Mittwoch in der Früh Tag wurde, hat die Musik einen Marsch für den Abzug der Gäste gespielt und die Paare stellten sich zum Abmarsch auf. Der Kerweihvater ging mit dem Spaten auf dem Rücken allen voran bis zur Dorfmitte. Beim Vergraben der Flasche wurde zumeist ein “Vater unser” gebetet. Wenn so manche beim Stehen einschliefen, wurden sie auf der Stell munter, wenn sie mit Wein bespritzt wurden. Dabei wurde allerhand Scherz betrieben, was zum Gelächter führte. Als die Flasche endlich in der Erde war, ging der Zug zur Vortänzerin, wo alle wieder bewirtet wurden und einige sogar noch Lust hatten, im Hof zu tanzen. Oft wurde es Mittag, bis sich die Letzten auf den Heimweg begaben. Beim Abschied versprachen alle, dass sie Donnerstag Abend zum “Kathreinerball” erscheinen werden. An diesem Abend beschenkten die Jungen ihre Mädel mit einem Andenken als Anerkennung für die schönen und gemeinsam verbrachten Kerweihtage.
Meine persönliche Erinnerung
Ich war im Jahre 1956 Vortänzer. (…) Meine Vortänzerin Katharina Weber, verheiratete Bernsteiner, musste mehrere neue Röcke, Schürzen u. a. kaufen. Ihre Auslagen waren viel größer als meine. Sie hatte noch kein Einkommen und ihre Eltern mussten für sämtliche Auslagen aufkommen. Ihnen und all den anderen, die sich so vorbildlich aufopferten, um es ihren Kindern zu ermöglichen, dass sie bei unserem schönen Kerweihfest teilnehmen konnten, sei hier nochmals gedankt.
Den damaligen Machthabern in der kommunistischen Ära war unser Kerweihfest in der traditionellen Tracht der Mädchen und Jungen und der Aufmarsch mit Musik auf den Straßen immer ein Dorn im Auge. Aus diesem Grunde versuchten sie ständig und mit verschiedenen Schikanen, uns das zu verbieten. Im Spätherbst 1956 wurden alle gruppenmäßige Begegnungen wegen der Ereignisse in Ungarn untersagt. Da man diese Verordnungen aber nicht beachtete, wurden einige meiner Freunde verhaftet, nach Temeswar gebracht und vom Geheimdienst verhört.
Auch in späteren Jahren versuchte man die Kerweihfeste zu verbieten. Das bewies zum Beispiel folgender Vorfall. Der damalige Bürgermeister Bucovician teilte dem Kerweihvater Michael Ribis mit, dass wegen der Einbringung der Maisernte jegliche Unterhaltung verbotensei. Ich begab mich deshalb zum Vorsitzenden des Rates der Werktätigen deutscher Nationalität, Nikolaus Berwanger, der auch Mitglied des Kreisparteikomitees Temesch war, und schilderte ihm die Angelegenheit von Saktandres. Dieser rief sogleich den Bürgermeister telefonisch an, und befahl ihm, sofort eine Genehmigung zur Abhaltung der Kerweih zu erteilen. Als ich mich von Temeswar in den damaligen Volksrat begab, war die Akte fertig unterschrieben und wurde mir ohne weitere Bemerkung ausgehändigt.
Die Kerweihväter waren von 1952 bis 1969 Michael Reiter, dann von 1969 bis 1982 Michael Ribis und von 1983 bis 1985 Josef Tilger und Hans Stemper.
Sobald es um unser Kerweihfest ging, packten alle unsere Landsleute ohne zu zögern zu. Keiner scheute die damit verbundene Arbeit und Auslagen, obwohl im allgemeinen bei uns niemand besonders wohlhabend war. Aber der Wille zur Erhaltung und Pflege der althergebrachten Tradition war unerschütterlich stark und nahm dabei selbst die Folgen in Kauf.
(Der Beitrag von Johann Stemper erschien im Sanktandreser Heimatblatt 8/2007)
Gruppenfotos von den Sanktandreser Kerweihfeste 1913 bis 1985